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Wer die eigene Zahlungskarte baut, kauft einen Bahnhof ohne Züge

Wer die eigene Zahlungskarte baut, kauft einen Bahnhof ohne Züge

Retail Dive macht es sich einfach. In einem von Marqeta gesponserten Beitrag, erschienen am 19. Oktober 2026, steht der Einzelhandel kurz davor, Debit, Kredit und Buy-now-pay-later auf einer flexiblen Karte zu vereinen. Die These klingt überzeugend. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist sie zur falschen Zeit falsch.

Niemand bestreitet die Logik dahinter. Wer den Kunden kennt, bevor das Kartenwerk das weiß, sitzt am lukrativsten Tisch. Amazon, Walmart, Costco: Das sind Plattformen, die verkaufen, liefern und finanzieren. Ihr Datenvorsprung ist das Geschäftsmodell, kein Nebenprodukt. Genau hier beginnt das US-Argument. Genau hier hört die Übertragbarkeit auf.

»The solution is a flexible credential: a single card that lets users choose debit, credit, or installments at the moment of purchase.« (Marqeta, Retail Dive)

These: In DACH ist die flexible Karte kein Händler-Projekt mehr. Das Rennen wurde von Wallets, Banken und Regulierung entschieden. Der Gewinn liegt am Checkout, nicht am Plastik.

Was der Artikel richtig sieht, und wo die These in DACH zerbricht

Der Artikel beschreibt einen einfachen Machtverschiebungs-Reflex. Der Händler besitzt Treueprogramme, App-Traffic, Kaufhistorien. Die Kartenwerke besitzen das Routing, den Käufer nichts. Also wandert die Wertschöpfung Richtung Händler, und die flexible Karte wird zum neuen Scharnier zwischen Loyalität und Konsum. In den USA mit Amazon Prime, Walmart Pay und einer lebendigen Credit-Card-Kultur klingt das plausibel. In einem Markt, in dem Kunden auf Rechnung kaufen und mit dem Smartphone bezahlen, wirkt das wie Plastik-Mut aus einer anderen Liga.

Die Fragmentierung selbst ist echt. Laut Marqetas eigener Recherche besitzen 66 Prozent der Verbraucher eine Kreditkarte, 57 Prozent davon mehr als eine, und 79 Prozent der BNPL-Nutzer bleiben dabei, auch wenn die Kreditkarte im Portemonnaie liegt. Acht von zehn ziehen mehrere Faktoren in Betracht, bevor sie zahlen. Der Beitrag hat also recht: Die Bezahlung wird zum Portfolio. Nur die Schlussfolgerung gehört zu jemandem, der Kartenplattformen verkauft.

Deutschland zahlt mit der Girocard, PayPal, Rechnung und SEPA. Österreich und die Schweiz laufen ähnliche Systeme mit anderen Namen. Kein Händler besitzt einen Amazon-kompatiblen geschlossenen Kreis. Zalando, OTTO, Kaufland: ordentliche E-Commerce-Player, keine Zahlungsplattformen. Die flexible Karte, über die im US-Artikel debattiert wird, existiert in DACH längst. Sie heißt Apple Pay und Google Pay. Die Wallet hat das Rennen entschieden, nicht der Einzelhandel.

Klarna hat es europäisch versucht. Der schwedische Anbieter träumte von der einen Karte für alles und brachte 2024 in Großbritannien eine Visa-Karte auf den Markt, die das Versprechen einzulösen schien. Doch das Konsumentenfinanzierungs-Modell geriet in der Krise, und die Karte konnte den Umsatzsturz nicht aufhalten. Wer die Karte besitzt, ist nicht garantiert, dass er die Karte verkauft. In DACH ist der Käufer über die Wallet, die Bank und den Händler-Treuepunkt erreichbar, nicht über ein eigenes Plastik-Programm.

Dann kommt die Ökonomie ins Spiel. In der EU deckt die Interchange-Fee-Verordnung die Gebühren für Consumer-Karten ab: 0,2 Prozent bei Debit, 0,3 Prozent bei Kredit. Für jeden Euro Umsatz fließt dem Kartenaussteller ein Bruchteil dessen, was ein US-Händler als Interchange verhandelt. Ein eigenes Kartenprogramm in Deutschland ist regulatorisch sperrig und wirtschaftlich ein Minusgeschäft, sobald Ausgabe, Betrug und Compliance berechnet werden.

Folge für den Mittelstand: Bahnhof vermieten, Züge nicht bauen

Der Checkout ist das neue Schlachtfeld. Rund 70 Prozent der Warenkörbe im E-Commerce werden laut derselben Marqeta-Recherche vor der Kasse liegen gelassen, Zahlungsreibung als führender Grund. 60 Prozent der 25- bis 44-Jährigen wollen am Entscheidungspunkt flexiblere Optionen. Wer 2026 Umsatz sucht, breitert die Zahlungsmethoden aus: Rechnung, Ratenzahlung, PayPal, Apple Pay. Und er konvertiert besser, statt eine eigene Karte zu bauen.

PSD3 und Open Banking erzwingen die nächste Verschiebung. Account-Information- und Payment-Initiation-Services liefern Kundenkonten, Kontoübersichten und Lastschriftdaten direkt in die Hände derer, die das Payment mittragen. Bezahlt, nicht selbst gebaut. Der Händler, der diese Rails nutzt, wird zum Finanz-Broker ohne Banklizenz. Der, der sie ignoriert, bleibt Plastik-Verlierer.

Die Schweiz zeigt die Richtung. Twint hat mit rund fünf Millionen Nutzern das Kartenschlucken längst erledigt, und der Händler erreicht den Kunden über die App, nicht über ein eigenes Programm. Deutschland und Österreich folgen diesem Muster, nur langsamer. Das heißt nicht, Karten seien tot. Es heißt, die Karte ist Weg, nicht Ziel.

Soweit die Analyse. Jetzt die Entscheidung: Wer bin ich, Käufer-Plattform oder kleines Bankhaus? Wer sich hier falsch entscheidet, baut den Bahnhof, während die Züge längst über Apple Pay, Klarna und die Bank fahren. Ihre Entscheidung?