9 Milliarden Euro schwer ist der deutsche Markt für Essens- und Lebensmittellieferungen. Robert Köbsch, General Manager von Wolt Market Germany, hat in der jüngsten Kassenzone-Folge klargemacht, dass Wolt in diesem Markt nicht mehr nur Restaurants an Bord haben will. Seit dem Start 2020 in Deutschland hat sich die finnische Plattform, die seit 2022 zu DoorDash gehört, vom Lieferdienst für Burger und Sushi zu einem lokalen Handelsmarktplatz entwickelt.
Das Ziel ist ambitioniert: aus der reinen Liefer-App soll eine „Shopping Mall in der Hosentasche“ werden. Köbsch spricht vom Wandel vom Essenslieferdienst hin zu Supermärkten, Apotheken und Blumenhändlern. Wer bisher über Wolt vor allem zum Mittagessen bestellte, soll künftig über dieselbe App auch Drogerieartikel, Blumensträuße und Lebensmitteleinkäufe nach Hause liefern lassen.
Wie unterscheidet sich Wolt von Flink und Gorillas?
Der Unterschied zu reinen Quick-Commerce-Anbietern wie Flink oder dem zusammengeschmolzenen Gorillas/Getir liegt im Modell. Wolt arbeitet vor allem als Vermittlungsplattform, die bestehende Händler an Endkunden koppelt. Zwar betreibt das Unternehmen eigene Wolt Market-Lager in ausgewählten Städten, der strategische Fokus liegt aber zunehmend auf Partnerschaften mit stationären Händlern.
Diese Strategie hat wirtschaftliche Gründe. Der Quick-Commerce-Markt in Deutschland hat sich seit dem Boom 2021 kräftig konsolidiert. Getir hat Gorillas übernommen, Flink kämpft um Profitabilität, Lieferando dominiert weiterhin das Essensliefergeschäft. Wolt versucht, mit einer breiteren Produktauswahl und weniger Eigenkapital in Lagerflächen einen eigenen Weg zu gehen.
Was bedeutet das für deutsche Händler?
Für stationäre Einzelhändler, Apotheken und Blumenhändler öffnet sich ein zusätzlicher digitaler Absatzkanal. Die Integration über Wolt ermöglicht es, Bestände aus dem stationären Geschäft online zu monetarisieren, ohne eine eigene Logistik aufbauen zu müssen. Das ist besonders für kleinere Ketten und inhabergeführte Läden interessant, die schnelle Lieferung anbieten wollen, aber keine eigenen Fahrer beschäftigen.
Die Rechnung ist simpel: Kunden, die bereits zur Mittagspause über Wolt essen bestellen, könnten am Abend über dieselbe App Lebensmittel oder Medikamente kaufen. Wer als Händler dort nicht vertreten ist, verliert potenzielle Umsätze an Konkurrenten, die die Plattform nutzen. Gleichzeitig wird Wolt zum Preis- und Konkurrenzdrucktreiber im lokalen Einzelhandel.
Lohnt sich der Einstieg für Shop-Betreiber?
Die Entscheidung hängt vom Sortiment und der Zielgruppe ab. Händler mit schnelldrehenden Alltagsprodukten, lokalen Standorten und einem Fokus auf Convenience gewinnen am ehesten. Wer dagegen hochpreisige Spezialartikel oder komplexe Beratungsleistungen verkauft, wird auf Wolt nur schwer Fuß fassen.
Kritisch bleibt die Frage der Marge. Lieferplattformen verlangen Provisionen, die den Gewinn pro Bestellung schmelzen lassen. Händler müssen vor dem Einstieg genau kalkulieren, ob zusätzliche Umsatzvolumina die Gebühren und den operativen Mehraufwand rechtfertigen. Wer Wolt als reinen Auffangbecken für übrige Lagerbestände nutzt, wird scheitern.
Wolt wird die Super-App nicht von heute auf morgen. Doch der Plan ist klar: Die App soll zum täglichen Begleiter werden, nicht nur zum Hungergefühl. Für Händler bedeutet das, den Kanal früh zu testen – bevor ihn die Konkurrenz besetzt.
