4,15 Milliarden Pakete transportierten Deutschlands KEP-Dienste im vergangenen Jahr durchs Land, rechnet der Bundesverband Paket und Expresslogistik vor. Jede einzelne Sendung ist ein Moment der Wahrheit: Trifft der Karton pünktlich, unbeschädigt und dort ein, wo der Kunde ihn erwartet? Genau hier, im Omnichannel-Geschehen nach dem Klick auf „Bestellen“, entscheidet sich, ob aus einem Käufer ein Stammkunde wird. Nicht im Shop. Nicht am Checkout-Button. Sondern auf der letzten Meile, am Paketshop-Schalter und im Retourenprozess.
Alexander Rauchut, Deutschland-Chef von MediaMarktSaturn, hat das erkannt, und sagt es lauter als viele seiner Kollegen. Seine These: Lieferung, Rückgabe und stationäre Fläche werden zur eigentlichen Differenzierung im Onlinehandel. Wer das für Eigenwerbung eines Flächenhändlers hält, übersieht die Zahlen dahinter.
Warum verlieren Händler ihre Kunden erst nach dem Kauf?
Weil sie das falsche Ende der Kette optimieren. Conversion-Rate, Warenkorbwert, Checkout-Abbruch, darauf sind ganze Abteilungen eingeschossen. Kaum ein Shop-Manager kann dagegen aus dem Stand sagen, wie viele seiner Erstkäufer nach einer verspäteten Lieferung je wiederkommen.
Die Antwort wäre unangenehm. Studien des Paketdienstleisters Metapack und wiederholte Befragungen des Handelsverbands HDE kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis: Über 80 Prozent der Onlinekäufer schließen einen Händler nach einer einzigen schlechten Liefererfahrung dauerhaft aus. Eine Lieferung. Nicht drei. Das ist ein härteres Urteil, als es jede Produktbeschwerde auslöst.
Der Grund liegt in der Erwartungsstruktur. Amazon hat eine Lieferzeit von ein bis zwei Tagen zum Normalmaß erklärt, und dieses Maß gilt jetzt für alle, auch für den Fachhändler mit 12 Millionen Euro Jahresumsatz. Der Kunde unterscheidet nicht zwischen den Logistikbudgets seiner Händler. Er unterscheidet nur zwischen pünktlich und zu spät.
Die letzte Meile ist ein Markenproblem
DHL, Hermes oder DPD führen die Zustellung aus. Der Kunde schreibt den Ärger trotzdem dem Händler zu. „Der Shop hat verkackt“, heißt es im Bekanntenkreis, nicht „der Zusteller“. Diese Asymmetrie macht die letzte Meile zum riskantesten Touchpoint des gesamten Geschäfts, und zum meistvernachlässigten.
Was konkret schiefgeht, ist seit Jahren bekannt: Lieferzeitversprechen, die das Lager nicht hält. Tracking-Links, die zwei Tage lang „Sendung elektronisch angekündigt“ zeigen. Pakete, die ohne Abstellgenehmigung beim Nachbarn im dritten Stock landen. Jede dieser Reibungen kostet Vertrauen, das im Shop mühsam aufgebaut wurde.
Ein Gegenmodell zeigt, wo es langgeht: Händler, die Versandversprechen aus Echtzeit-Beständen rechnen statt aus Marketing-Optimismus, und die Lieferverzögerungen kommunizieren, bevor der Kunde fragt. Zalando etwa informiert bei Verzögerungen aktiv per Mail und lockert dafür an anderer Stelle, das Serviceversprechen bleibt intakt, obwohl die Sendung zu spät kommt. Transparenz schlägt Tempo, wenn beides nicht gleichzeitig geht.
Wie macht MediaMarktSaturn die stationäre Fläche zum Online-Vorteil?
Rauchuts Argument folgt einer simplen Rechnung: MediaMarktSaturn betreibt in Deutschland mehr als 240 Märkte. Jeder davon ist potenziell Lager, Abholstation und Retourenannahme zugleich. Was puren Onlinehändlern als teures Logistiknetz erst gebaut werden müsste, steht beim Elektronikriesen längst in den Innenstädten.
Click and Collect ist dabei nur der Einstieg. Der eigentliche Hebel liegt in der Umkehrung der Logistikrichtung: Die Bestellung aus dem Marktbestand heraus erfüllen, nicht aus dem Zentrallager. Ship-from-Store verkürzt die Lieferzeit auf dem letzten Stück drastisch, weil der Artikel im Schnitt näher am Kunden liegt als in irgendeinem Logistikzentrum an der Autobahn. Nebenbei sinken die Lagerreichweiten-Probleme, wenn Online- und Filialbestand zusammengerechnet werden.
Ein Markt, der morgens ein Smartphone an einen Onlinekunden verschickt und nachmittags eine Retoure ohne Formular annimmt, ist kein Kostenblock mehr. Er ist das Logistiknetz, das Amazon in Deutschland nie besessen hat.
Die Zahlen geben Rauchut recht. Der Online-Umsatzanteil von MediaMarktSaturn liegt inzwischen bei rund einem Viertel des Gesamtgeschäfts, und ein erheblicher Teil dieser Bestellungen wird über die Märkte abgewickelt oder abgeholt. Die Fläche, von der Analysten vor zehn Jahren sagten, sie sei der Sargnagel des Unternehmens, wurde zum Pfand im Wettbewerb mit den Plattformen.
Was kosten Retouren wirklich, und warum ist „kostenlos zurückschicken“ ein Trugschluss?
Kostenlos ist die Rücksendung nur für den Kunden. Für den Händler summieren sich laut Berechnungen der Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Universität Bamberg im Schnitt zwischen 5 und 10 Euro pro Paket, Transport, Prüfung, Wiederaufbereitung, Wertverlust. In der Mode liegt die Retourenquote bei gut 50 Prozent versandter Artikel; in der Elektronik bei eher 10 Prozent, dafür mit höherem Wertverlust pro geöffnetem Gerät.
Genau hier greift das Omnichannel-Argument ein zweites Mal. Eine Rückgabe in der Filiale kostet den Händler einen Bruchteil der Paketretoure, bringt den Artikel sofort wieder in den verkaufsfähigen Bestand, und führt den Kunden physisch in den Laden. Interne Auswertungen großer Filialisten zeigen seit Jahren denselben Effekt: Ein relevanter Anteil der Retournierer kauft beim selben Besuch etwas anderes. Die Retoure wird vom Verlustgeschäft zum Besuchsanlass.
- Paketretoure: 5–10 Euro Kosten, Artikel tagelang aus dem Bestand, Wertverlust durch Transport
- Filialretoure: minimale Prozesskosten, sofortige Wiederverfügbarkeit, Zusatzumsatz-Potenzial am POS
Wer also Retourenquoten nur über Kulanzregeln und Käufersiegel steuert, denkt zu klein. Die entscheidende Frage lautet: Welche Rückgabewege biete ich an, und welche davon rechnen sich?
Woran Händler jetzt arbeiten müssen
Drei Dinge trennen die Händler, die das Post-Purchase-Spiel gewinnen, von denen, die weiter am Checkout feilen. Erstens: Versandversprechen, die aus dem echten Bestand berechnet werden, nicht aus dem Wunschdenken. Zweitens: aktive Kommunikation nach dem Kauf, Lieferstatus, Verzögerung, Ankunft, als eigener Kanal, nicht als DHL-Weiterleitung. Drittens: Rückgabewege, die den Kunden nicht bestrafen, aber den Händler nicht ruinieren.
Keines dieser Probleme löst ein Plugin. Sie alle verlangen, Bestände, Filialen und Versandlogik zusammenzudenken, eben das, was Omnichannel jenseits der Konferenzfolien bedeutet.
MediaMarktSaturn hat den Vorteil, dass die Infrastruktur schon existiert. Kleineren Händlern bleibt der unbequemere Weg: kooperieren, Paketshops einbinden, Retouren bewusst in Kanäle lenken, die sich rechnen. Die tröstliche Botschaft ist dieselbe wie die harte: Über den Shop entscheidet der Kunde in Sekunden. Über die Frage, ob er wiederkommt, entscheidet er erst, wenn der Karton auf der Fußmatte liegt, oder eben nicht.
