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Amazon knöpft sich den Zoll selbst – und die Händler zahlen die Rechnung

Amazon knöpft sich den Zoll selbst – und die Händler zahlen die Rechnung
These: Amazon macht aus einer staatlichen Pflicht ein margenträchtiges Service-Produkt. Wer am Marktplatz verkauft, wird künftig nicht nur für die Logistik, sondern auch für den Zoll selbst bezahlen – und damit tiefer in die Abhängigkeit von einem einzigen Player rutschen.

69 Prozent aller Online-Produkt-Suchen in Deutschland beginnen bei Amazon. Nicht bei Google, nicht beim Händler selbst. Bei Amazon. Wer dort also nicht vertreten ist, verkauft praktisch nicht. Und wer dort vertreten ist, spielt nach Regeln, die Amazon eigenhändig schreibt. Die neueste Änderung ist typisch für diesen Konzern: Statt die Zollabfertigung als lästiges Beiwerk zu erledigen, wird sie zum kostenpflichtigen Extra für Importe außerhalb der EU.

Der Zoll wird zum Abo-Feature

Bisher war die Zollabfertigung bei Amazon eine administrative Grundleistung, eher unsichtbar, eher nervig. Künftig kostet sie pro Sendung extra. Der Grund ist klar benannt: steigender regulatorischer Aufwand, neue Zollvorschriften, mehr Dokumentation. Was Amazon aber nicht erklärt, ist, warum ausgerechnet der Marktplatzbetreiber diese Kosten mit Gewinnmarge weitergeben darf, ohne dass Händler eine echte Alternative haben.

„Amazon führt eine neue Zollgebühr für Importe ein – Händler müssen künftig für die Zollabfertigung ihrer Produkte bezahlen.“ Onlinehändler-News

Das Zitat ist unaufgeregt, fast sachlich. Aber dahinter steckt eine fundamentale Verschiebung. Amazon bestimmt nicht mehr nur, wer auf seiner Plattform verkauft und zu welchem Preis. Es greift jetzt auch in einen staatlichen Hoheitsbereich ein und verpackt ihn als Serviceleistung. Die Grenze zwischen Marktplatz und Infrastruktur verschwimmt weiter.

Für Händler, die aus China, Großbritannien oder den USA importieren, ändert sich die Rechnung schlagartig. Was bisher in den Logistikkosten aufging, wird nun als separater Posten sichtbar – und wahrscheinlich teurer. Amazon weiß genau, dass die meisten Verkäufer diese Kosten nicht an den Endkunden weitergeben können, ohne die Buy Box zu verlieren. Also drückt es die Marge. Wieder einmal.

Die EU ist der eigentliche Profiteur – ohne es zu merken

Die europäischen Zollbehörden haben seit der E-Commerce-VO 2021 und der Abschaffung der 22-Euro-Freigrenze ein Problem: Milliarden kleiner Pakete müssen deklariert werden. Der staatliche Apparat schafft das nicht. Also delegiert er stillschweigend an private Plattformen. Amazon übernimmt die Drecksarbeit – und kassiert dafür.

Das ist kein Versagen, das ist Design. Die Politik bekommt mehr Kontrolle über Importe und gleichzeitig einen Schuldigen für die Kosten: den amerikanischen Tech-Riesen. Amazon wiederum bekommt eine zusätzliche Einnahmequelle und einen Grund, Händler noch fester an FBA, seinen Logistikdienst, zu binden. Denn wer selbst Zollabfertigung betreibt, wird von der neuen Gebühr ausgenommen. Netter Nebeneffekt: Der eigene Logistikservice wird plötzlich deutlich attraktiver.

Händler aus dem DACH-Raum stehen vor einer typischen Wahl, die gar keine ist. Entweder sie schlucken die Gebühr und sehen zu, wie ihre Marge schrumpft. Oder sie wechseln zu FBA und überlassen Amazon Lager, Versand, Zoll und Kundenservice. Beides endet damit, dass Amazon tiefer in ihre Buchhaltung und ihre Kundenbeziehung vordringt.

Für den Mittelstand wird es richtig ungemütlich

Der klassische deutsche Onlinehändler – vielleicht 10 bis 50 Millionen Euro Umsatz, eigenes Lager, eigene Logistik – ist der Verlierer dieses Spiels. Er kann nicht auf Amazon verzichten, weil dort die Nachfrage sitzt. Aber er kann auch nicht mehr kostengünstig neben Amazon agieren, weil jeder Importzoll den Wettbewerbsabstand zum FBA-Händler vergrößert.

Die großen Player werden das wegstecken. Sie verhandeln eigene Zollprozesse, haben Compliance-Teams, absorbieren die Kosten. Der Mittelstand nicht. Für den wird die neue Gebühr zum Zünglein an der Waage zwischen schwarzer Null und Verlust. Besonders bei Artikeln mit geringen Margen – Elektronikzubehör, Haushaltswaren, Modebasics – kann ein paar Euro pro Sendung den Unterschied ausmachen.

Und der Endkunde? Der bemerkt davon wenig. Amazon wird die Preise nicht signifikant anheben, weil der Wettbewerb auf dem Marktplatz das nicht zulässt. Stattdessen werden schwächere Händler aus dem Markt gedrängt, die Auswahl homogener, das Ökosystem geschlossener. Das ist der langfriste Preis: weniger Vielfalt, mehr Amazon.

Was bleibt also? Ein weiterer Baustein in einer Strategie, die Amazon seit Jahren konsequent verfolgt: Jede Reibung im grenzüberschreitenden Handel wird zur Gelegenheit, Händler enger an die eigene Infrastruktur zu binden. Nicht mit Zwang, sondern mit Kosten.

Die Frage ist nicht, ob Händler die neue Zollgebühr bezahlen werden. Die Frage ist, wie viele von ihnen danach noch unabhängig genug sind, um zu sagen: Nicht mit uns.