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Amazon profitabel trotz Preisdruck: Wie Jassy den Konzern umbaut

Amazon profitabel trotz Preisdruck: Wie Jassy den Konzern umbaut

Amazon ist profitabel, und zwar deutlicher als seit Jahren. Im ersten Quartal 2024 erzielte das Unternehmen einen operativen Gewinn von 15,3 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 143,3 Milliarden Dollar. Der Jahresvergleichsprung ist bemerkenswert: im ersten Quartal 2023 lag das operative Ergebnis noch bei 4,8 Milliarden Dollar. Für deutsche Onlinehändler, die derzeit mit sinkenden Margen und zögerlicher Konsumnachfrage kämpfen, sind diese Zahlen mehr als eine US-Börsenmelodie. Sie zeigen, wie ein Handelskonzern unter Druck sein Geschäftsmodell neu justiert.

Das Ergebnis verdankt Amazon vor allem drei Faktoren: der Cloud-Sparte AWS, der hochmargigen Werbebuchtung und einer radikalen Logistik-Neuaufstellung. AWS steuerte im ersten Quartal 9,4 Milliarden Dollar zum operativen Gewinn bei, bei einem Umsatz von 25 Milliarden Dollar. Die Werbesparte wuchs um 24 Prozent auf 11,8 Milliarden Dollar. Gleichzeitig senkte Amazon die Logistikkosten, indem das Unternehmen von acht nationalen auf acht regionale Verteilzentren umstellte und die Fläche für Zwischenlager um ein Fünftel reduzierte.

Warum ist Amazon trotz Marktdruck massiv profitabel?

Amazon ist profitabel, weil das Unternehmen nicht mehr primär auf Umsatzwachstum setzt, sondern auf operative Disziplin. CEO Andy Jassy hat seit 2022 rund 27.000 Stellen abgebaut, Dutzende Projekte eingestellt und die Fulfillment-Struktur regionalisiert. Die Folge: Die nordamerikanische Einzelhandelssparte erzielte im ersten Quartal ein operatives Ergebnis von 5,0 Milliarden Dollar nach einem Verlust von 1,2 Milliarden Dollar im Vorjahr. Sogar das internationale Geschäft, zu dem auch Deutschland gehört, meldete erstmals seit langem wieder schwarze Zahlen: 0,9 Milliarden Dollar operativer Gewinn.

Die Cloud-Sparte AWS fungiert dabei als finanzielle Feuerwehr. Sie generiert zwar nur etwa 17 Prozent des Konzernumsatzes, trägt aber rund 62 Prozent zum operativen Gewinn bei. Während der Einzelhandel unter Preisdruck und hohen Transportkosten leidet, verkauft AWS Rechenleistung und Künstliche-Intelligenz-Dienste wie Trainium und Bedrock an Unternehmen mit Vertragslaufzeiten von mehreren Jahren. Diese Mischung aus niedrigmargigem Handel und hochmargigem Infrastrukturgeschäft puffert Amazon gegen konjunkturelle Dellen.

Was bedeutet die Amazon-Profitabilität für deutsche Händler?

Für deutsche Händler bedeutet die Amazon-Profitabilität vor allem eins: der Wettbewerbsdruck auf Amazon.de wird nicht nachlassen, gleichzeitig liefern die Quartalszahlen aber ein Lehrstück in operativer Effizienz. Zum einen beweist Amazon, dass auch ein gigantisches Fulfillment-Netzwerk durch Strukturbrüche effizienter wird, ein Argument für jeden Händler, der seine Lagerlogistik und Retourenprozesse auf den Prüfstand stellt. Zum anderen gewinnt Amazon Spielraum für Investitionen in Preisgestaltung, Same-Day-Delivery und Werbealgorithmen auf Amazon.de. Das verschärft den Wettbewerb um Sichtbarkeit und Liefergeschwindigkeit im deutschen Markt.

Besonders relevant ist der Blick auf das Werbegeschäft. Amazon macht mit Retail Media Milliarden, weil Marken bereit sind, für Platzierungen auf der Plattform zu zahlen. Händler, die Amazon als Absatzkanal nutzen, stehen vor einer Zwickmühle: Werbekosten auf dem Marktplatz steigen, ohne gekaufte Sichtbarkeit lässt sich der Absatz aber kaum halten. Eigenständige Shop-Betreiber können dagegen aus Amazons regionalisiertem Logistikmodell lernen: kürzere Distanzen zwischen Lager und Kunde senken nicht nur Kosten, sondern auch CO₂-Ausstoß und Retourenaufwand.

Kernsatz: Amazon profitiert nicht vom Handel an sich, sondern von der Mischung aus Cloud-Monopol, Werbeplattform und radikal optimierter Logistik, ein Modell, das sich eins zu eins nicht kopieren lässt.

Wo bleiben die strukturellen Risiken?

Die Gewinnsprünge sind keine Selbstläufer. Der Einzelhandel bleibt Amazons größtes Umsatzsegment und arbeitet weiterhin mit dünnen Margen. Zudem wächst AWS im Vergleich zu Microsoft Azure und Google Cloud langsamer. In Deutschland drohen zusätzliche regulatorische Belastungen durch verschärfte Anforderungen an Prime-Abos und eine strengere Verpackungsverordnung. Wer Amazon als Konkurrent oder Vertriebskanal betrachtet, sollte die Profitabilität also als Momentaufnahme einer laufenden Restrukturierung verstehen, nicht als Dauerzustand.