Amazon hat in den vergangenen zwanzig Jahren ein Logistiknetzwerk aufgebaut, das den größten Paketdienstleistern der Welt Konkurrenz macht. Mit der Öffnung seiner Amazon Supply Chain für externe Kunden avanciert der Konzern nun zum direkten Rivalen von DHL, UPS und FedEx.
Das Programm geht über die bisherige Fulfillment-by-Amazon-Leistung weit hinaus. Händler können künftig nicht nur das letzte Stück der Lieferkette nutzen, sondern den gesamten Weg vom Hersteller im Ausland bis zur Haustür des Endkunden. Amazon organisiert Seefracht, Zollabwicklung, Zwischenlagerung und den Transport ins Regallager – alles aus einer Hand.
Warum öffnet Amazon sein Netzwerk jetzt für Dritte?
Die Antwort liegt in den Gesetzen der Skaleneffekte und in den hohen Fixkosten, die das Netzwerk verursacht. Jeder zusätzliche Container, den Amazon für einen externen Modehändler oder einen Möbelhersteller über den Pazifik schifft, senkt die durchschnittlichen Kosten pro Paket im eigenen System. Gleichzeitig schafft der Konzern eine neue Einnahmequelle, die die Margen im stagnierenden Online-Handel stützt.
Für deutsche Shop-Betreiber ab einer Million Euro Jahresumsatz ergeben sich daraus zwei unmittelbare Effekte. Die Hemmschwelle, Waren aus Fernost direkt nach Europa zu importieren, sinkt deutlich, weil Amazon die komplexe Vorlauflogistik übernimmt. Zugleich entsteht Preisdruck auf etablierte Logistik-Dienstleister, die bislang allein integrierte Supply-Chain-Lösungen anboten.
Lohnt sich die Abkehr von DHL und Co. für E-Commerce-Anbieter?
Das kommt auf das Geschäftsmodell an. Marken, die stark von Amazon-Marktplätzen abhängen, profitieren von durchgängigen Prozessen und potenziell niedrigeren Stückkosten. Wer jedoch auf eigenen Shopify- oder Shopware-Shops baut, läuft Gefahr, sensible Daten wie Bestellvolumina oder Retourenquoten an seinen größten Wettbewerber zu übermitteln. Amazon sieht als Logistik-Dienstleister exakt, welche Produkte außerhalb des eigenen Ökosystems gut laufen.
Der US-Markt zeigt bereits, wohin die Reise führt. Seit Amazon Freight und das externe Fulfillment-Programm flächendeckend verfügbar sind, haben mittelständische Händler berichtet, dass Transportkosten im Container-Geschäft um bis zu 15 Prozent gesunken sind. Ob dieser Effekt in Deutschland in gleicher Dimension eintritt, hängt davon ab, wie schnell Amazon seine europäischen Hafen- und Lager-Infrastrukturen für Drittgeschäfte öffnet.
Amazon macht aus seiner Logistik-Kostenstelle ein Profit-Center – und zwingt die Branche, neue Preise zu akzeptieren.
Die Antwort von Deutsche Post und UPS
Die Reaktionen halten sich in Grenzen, die Strategiewechsel sind jedoch spürbar. Deutsche Post DHL baut derzeit seine eigene E-Commerce-Infrastruktur in Europa aus und setzt verstärkt auf spezialisierte Branchenlösungen, um sich zu differenzieren. UPS hingegen hat bereits vor zwei Jahren angekündigt, das reine Paketvolumen zugunsten hochmargiger Gesundheits- und High-Tech-Logistik zu reduzieren.
Deutsche Händler stehen vor einer konkreten Entscheidung: Entweder sie nutzen Amazons Riesennetzwerk für günstigere End-to-End-Lieferketten und akzeptieren die damit verbundene Transparenz. Oder sie binden sich stärker an europäische Anbieter, die zwar teurer sind, aber die Kontrolle über Kundendaten und Lieferwege bewahren. In beiden Fällen wird 2025 das Jahr, in dem Logistik vom Kostenfaktor zur strategischen Waffe wird.
