15 bis 30 Prozent auf jeden Verkauf: Das ist keine Gebühr, das ist Miete
Ein Händler verkauft ein Produkt für hundert Euro. Apple kassiert bis zu dreißig Euro davon — ohne das Produkt zu verpacken, zu verschicken oder den Kundenservice zu machen. So funktioniert das App-Store-Geschäft seit Jahren. Wer auf iOS verkaufen will, zahlt Schutzgeld an den Gatekeeper. Nicht freiwillig. Weil es keine echte Alternative gibt.
Die britische Wettbewerbsbehörde CMA hat jetzt einen Vorschlag vorgelegt, der dieses Modell erschüttern könnte. App-Entwickler sollen Nutzer künftig auf Zahlungswege außerhalb der App-Store-Ökosysteme führen dürfen. Apple und Google müssten zudem den Zugriff auf NFC-Funktionen öffnen — also das kontaktlose Bezahlen direkt aus Drittanbieter-Apps heraus ermöglichen. Banken, Fintechs und Händler könnten eigene Wallets bauen, die neben Karte und PayPal auch Kontozugriff, Stablecoins oder digitale ID verknüpfen.
Für Deutschland ist das keine Nachricht aus dem Nebenraum. Es ist ein Signal aus einem Markt, der strukturell ähnlich reguliert, aber in diesem Punkt schneller handelt als Brüssel.
„We think it is important to give both app developers and users more choice about how they communicate and how they transact. This is not only because choice is inherently valuable but also because we see this as the best way to introduce some competitive pressure in a vital part of the mobile ecosystem that is otherwise sorely lacking such pressure.“
Will Hayter, Digital Markets Director beim CMA, formuliert es höflich. Dahinter steckt eine harte Diagnose: Apple und Google haben den mobilen Zahlungsverkehr unter Kontrolle gebracht, ohne dass der Wettbewerb ihnen Paroli bieten konnte. Die Folge sind hohe Gebühren, eingeschränkte Zahlungsoptionen und eine Abhängigkeit, die jeder E-Commerce-Manager im DACH-Raum spürt, der jemals versucht hat, Apple Pay als einzige Option zu umgehen.
Deutschland wird nicht gerettet — aber es könnte profitieren
Brüssel hat mit dem Digital Markets Act bereits gegen Apple und Google vorgehen wollen. Doch die Umsetzung zerfällt in Detailfragen, Rechtsstreitigkeiten und halbherzige Öffnungen. Apple klagt gegen die EU-Kommission, Google feilt an Minimal-Anpassungen. Unterdessen bleiben die Gebühren hoch und der direkte Zugang zur Kundschaft begrenzt.
Die britische Initiative schärft den Druck. Sie zielt nicht nur auf niedrigere Provisionen ab, sondern auch auf die Öffnung der NFC-Hardware. Das ist der Punkt, an dem es für deutsche Händler konkret wird. Wer heute in seiner eigenen App kontaktloses Bezahlen anbieten will, braucht Apple Pay oder Google Pay. Beide nehmen ihr Stück vom Kuchen. Beide kontrollieren, welche Daten fließen und wer die Kundenbeziehung besitzt.
Ein deutscher Modehändler, ein Münchner Fahrradhersteller oder eine Berliner Fintech-App könnten mit offenerem NFC plötzlich eigene Checkout-Erlebnisse bauen. Sie könnten Girocard, PayPal, Klarna oder direkte Banküberweisungen aus einer einzigen App anbieten — ohne den Umweg über Cupertino oder Mountain View. Die Einsparungen ließen sich in Preise, Logistik oder Kundenservice investieren. Statt sie als Steuer an zwei Tech-Konzerne abzuführen.
Die Gegenwehr der Plattformen ist berechenbar — und irrelevant
Apple argumentiert, die Öffnung würde Verbraucherschutz untergraben und Betrug Tür und Tor öffnen. Dieses Lied kennen wir. Es wurde bei jedem App-Store-Prozess, bei jeder DMA-Anhörung und bei jedem Entwickleraufstand gesungen. Der Konzern verwechselt dabei sein Geschäftsmodell gerne mit Sicherheit. Dabei ist es kein Zufall, dass die angeblich so gefährliche Welt außerhalb des App Stores in Europa, Indien und China mittlerweile von Millionen Nutzern genutzt wird — ohne dass das Internet zusammengebrochen ist.
Google entgegnet, es habe seine Gebühren bereits gesenkt. Das stimmt zum Teil. Doch Senkungen von Monopolpreisen sind kein Wettbewerb. Sie sind ein Ablenkungsmanöver. Echter Wettbewerb entsteht erst, wenn Entwickler wählen können, welchen Weg sie ihren Kunden anbieten — und wenn Kunden diesen Weg auch gehen können, ohne an die Plattform gebunden zu sein.
Für Händler in Deutschland bedeutet das: Druck auf Apple und Google wird jetzt von mehreren Seiten aufgebaut. UK, EU, Indien, USA — überall werden die Geschäftsbedingungen der App Stores gerade neu verhandelt. Wer jetzt seine App-Strategie nur auf die Plattform-Ökosysteme ausrichtet, setzt auf ein Modell, das in fünf Jahren womöglich nicht mehr existiert.
Zu warten, bis das Gesetz kommt, wäre der falsche Weg. Stattdessen gilt es, sich jetzt unabhängig aufzustellen: eigene Zahlungsanbieter evaluieren, Kundendatenstrategien entkoppeln, Checkout-Prozesse so bauen, dass sie auch ohne Apple-Pay-Button funktionieren. Die britischen Pläne sind kein Gesetz. Aber sie sind ein Weckruf — und zwar einen, den deutsche E-Commerce-Verantwortliche besser nicht ignorieren.
Die Plattformen werden nicht freiwillig aufgeben, was ihnen Milliarden einbringt. Also muss der Markt ihnen die Freiheit nehmen. Die CMA macht den Anfang. Die Frage ist nicht, ob Deutschland folgt. Die Frage ist, wie lange Händler hierzulande noch bereit sind, jeden dritten Euro ihres Umsatzes an zwei amerikanische Konzerne abzugeben.
