Meinung Meinung

Deutschlands Gründerlücke ist kein Konjunkturproblem: es ist ein E-Commerce-Problem

Deutschlands Gründerlücke ist kein Konjunkturproblem: es ist ein E-Commerce-Problem

3,5 Millionen Neugründungen gegen 3,1 Millionen Schließungen. Auf EU-Ebene eine netto wachsende Unternehmenslandschaft, die Gründungsrate liegt bei 10,4 Prozent, die Schließungsrate bei 9,2. Deutschland taucht in dieser Statistik nicht als Wachstumstreiber auf, sondern als eine von acht Ausnahmen: Hierzulande machten 2024 mehr Firmen dicht, als neue aufmachten. Die Gründungsrate: 7,8 Prozent. Der EU-Schnitt: 10,4. Litauen: 17,5. Portugal: 16,1.

Wer jetzt reflexhaft auf Zinsen, Bürokratie und Fachkräftemangel zeigt, macht es sich zu einfach. Die Eurostat-Zahlen von 2024 zeichnen kein Konjunkturbild, sondern ein Strukturbild. Und für den E-Commerce in DACH ist dieses Strukturbild unangenehmer als jede Zinsdebatte.

„In 19 von 27 Ländern überwogen die Gründungen. Deutschland zählt zu den acht Ausnahmen: Dort schlossen mehr Firmen, als neu öffneten.“ (etailment, 2. Oktober 2026, auf Basis von Eurostat)

These: Deutschland gründet zu wenig, und gründet zu spät. Der deutsche E-Commerce hat kein Traffic-Problem, sondern ein Nachfolge- und Trägheitsproblem. Die nächste Generation Plattform-Händler entsteht in Portugal und Litauen, nicht in Hamburg oder Düsseldorf.

Die Schließungen treffen nicht die Startups, sie treffen die Substanz

Wer genau hinsieht, erkennt das eigentliche Problem. Es sind nicht die hippen Tech-Gründungen, die Deutschland fehlen. Es ist die breite Mitte: der Händler, der 2015 einen Shopify-Shop aufgesetzt hat, der Amazon-Seller mit 40 SKUs, das Familienunternehmen mit eigener Marke, das nie die Kurve zum Direct-to-Consumer bekommen hat. Genau diese Unternehmen schließen. Nicht mit einer Schlagzeile, sondern mit einem letzten Sale im Dezember und einer abgeschalteten Domain im Januar.

Der etailment-Bericht nennt eine zweite Zahl, die man nicht überlesen sollte: 180.200 wachstumsstarke Unternehmen in der EU, definiert als Firmen mit mindestens zehn Beschäftigten und jährlichem Wachstum über zehn Prozent. Sie machen 10,0 Prozent aller EU-Unternehmen dieser Größenklasse aus und beschäftigen 14,1 Millionen Menschen. Das ist der eigentliche Beschäftigungsmotor, nicht die Gründungszahlen. Aber es ist auch ein Filter: Die Wachstumsphase beginnt nicht bei der Gründung. Sie beginnt bei zehn Beschäftigten. Und Deutschland schafft es zu selten bis dorthin.

Für E-Commerce-Händler in DACH bedeutet das konkret: Der Wettbewerb um Talente, um Kapital und um Aufmerksamkeit wird härter, während gleichzeitig weniger neue Player nachrücken. Wer heute skaliert, hat morgen weniger Konkurrenz, aber auch weniger Zulieferer, weniger Dienstleister, weniger Ökosystem. Eine ausgedünnte Branche ist keine gesunde Branche, auch nicht für die Überlebenden.

Österreich als Gegenthese, und Portugal als Vorbild

Spannend ist der österreichische Sonderfall. Mit einer Gründungsrate von 6,3 Prozent liegt das Land noch unter Deutschland. Aber die Schließungsrate liegt bei 5,3 Prozent, niedriger als in fast allen EU-Staaten. Österreich gründet wenig und stirbt noch weniger. Deutschland gründet wenig und stirbt viel. Deutschland steht also nicht am unteren Ende einer einzigen Skala, sondern am unteren Ende zweier Skalen, die zusammengenommen eine strukturelle Lähmung beschreiben.

Die Antwort kann nicht sein, auf Litauen (17,5 Prozent) zu schauen und die eigenen Zahlen schönzureden. Die Antwort muss sein, die Mechanik zu verstehen: Litauen, Portugal, Malta, Frankreich gründen, weil Gründen dort weniger kostet, in Zeit, in Steuern, in Frustration. Deutschland gründet nicht, weil die Reibung zu hoch ist, und schließt, weil die Skalierungshürde zu niedrig liegt. Ein Land, das mehr schließt als gründet, hat nicht nur ein Gründungsproblem. Es hat ein Skalierungsproblem, und das trifft den E-Commerce härter als den Maschinenbau.

Was das für Händler heißt: Direkt verkaufen oder von der Welle überrollt werden

Drei Konsequenzen ergeben sich für den DACH-E-Commerce. Erstens: Wer als Händler bislang auf Amazon oder Zalando gebaut hat und die Marke nicht kontrolliert, sitzt auf einem schrumpfenden Ökosystem. Der Marktplatzkuchen wird nicht größer, wenn weniger neue Händler nachrücken. Er wird gleichmäßig verteilt unter weniger Playern, und die sitzen zunehmend nicht in Deutschland.

Zweitens: die Direct-to-Consumer-Rechnung stimmt nur mit eigenen Daten. Wer 2024 in Deutschland geschlossen hat, hatte zumeist keine eigenen Kundenbeziehungen, keine First-Party-Daten, keinen wiederkehrenden Umsatz. Der Unterschied zwischen „Schließen“ und „Wachsen“ ist in dieser Statistik keine Größenfrage, sondern eine Eigentumsfrage.

Drittens: Wer skalieren will, muss internationaler denken. Die Wachstumsgruppe in der EU ist 14,1 Millionen Menschen groß und wächst über zehn Prozent im Jahr. Dieses Wachstum passiert nicht in Baden-Württemberg. Wer sein zehntes Mitarbeiterjahr nicht in Deutschland erreicht, könnte es in Polen, Tschechien oder dem Baltikum erreichen, vorausgesetzt, er baut nicht für einen Markt, sondern für drei.

Die 3,5 Millionen EU-Gründungen sind eine gute Nachricht für Europa und eine schlechte für Deutschland. Der Standpunkt ist unbequem, aber eindeutig: Der deutsche E-Commerce wird nicht durch bessere Marktplätze gerettet, sondern durch Händler, die eigene Kanäle bauen, bevor der Marktplatz nicht mehr reicht. Wer das nicht tut, wird nicht zu den 180.200 Wachstumsunternehmen gehören. Er wird zu den Schließungen zählen, die Deutschland nächstes Jahr wieder um einige Prozentpunkte nach unten ziehen.

Die Frage ist nicht, ob Deutschland mehr gründen muss. Die Frage ist, ob die Händler, die noch da sind, genug Zeit haben, bevor auch sie zu einer Zahl in der Eurostat-Tabelle werden.