Meinung Meinung

Die Uni lehrt Creator Economy. Der Mittelstand lernt es immer noch auf der Straße.

Die Uni lehrt Creator Economy. Der Mittelstand lernt es immer noch auf der Straße.

Universitäten züchten die nächste Marketing-Generation. Der Mittelstand guckt zu.

Drei Hochschulen, zwölf Monate, drei Modelle: Arizona State hat einen BA in Content Creation aufgelegt, Stanford einen Masterkurs namens „Mastering the Creator Economy“ eingeführt, und Syracuse hat sein Center of Creator Economy eröffnet, zuständig für Forschung, Politik, Lehre und Produktion. Alyssa Mercante hat das am 12. Oktober 2026 für Digiday dokumentiert. Ihre Pointe: Was bis gestern Praktikum, Tutorial und Zufall war, wird Prüfungsfach. Der Branche fehlte lange das genaue Gegenteil: ein geteilter Wissensschatz, eine Sprache, ein Curriculum. Das ist kein Kuriosum. Das ist ein Marktsignal, und deutsche Händler ignorieren es auf eigene Gefahr.

„The creator economy has crossed the line from an emerging marketing channel into a legitimate business discipline“, sagt Cole Mancini Elboeck, VP of Social Commerce bei Go Fish Digital, im Gespräch mit Digiday.

These: Ein Hochschulprogramm ist heute der ehrlichste Trendreport der Branche. Wer ihn ignoriert, bezahlt später mit Marktanteilen.

Die Kamera ist nur die Spitze. Das Geld verdient das Team dahinter.

Ryan Schram, geschäftsführender Direktor des Syracuse Center for the Creator Economy, nannte die Zahl, die alles ordnet: weltweit arbeiten 50 Millionen Menschen in der Creator Economy. Millionen davon stehen vor der Kamera oder hinter dem Podcast-Mikrofon. Die große Mehrheit sitzt dahinter, als Clipper im Support-Team, als Influencer-Marketing-Spezialist im Brand-Team, als Affiliate-Manager, als Entwickler creator-zentrierter SaaS-Tools, als Anwalt für Rechte und IP. Syracuse nennt das den „employability quotient“, die Rechenformel für die Beschäftigungsfähigkeit von Absolventen. Händler sollten dieselbe Frage an ihr Budget stellen: Welche Rolle fehlt morgen, und wer füllt sie?

Hinter dem Campus-Wettbewerb steckt eine ökonomische Wahrheit. Kanäle, die man nicht mehr erklären muss, weil sie jeder versteht, zahlen keine Arbitrage mehr. Der erste Zulauf von Talenten kommt aus Neugier, der zweite aus Ausbildung, und der dritte aus Institutionen, die Zertifikate vergeben. Genau dort stehen die USA jetzt. Der Wert verschiebt sich weg vom Glückstreffer hin zum Prozess: Wer Creator-Content systematisch plant, misst und rechtlich absichert, kauft weniger Reichweite und baut mehr Vermögen. Die Hochschulen professionalisieren damit genau das, was Agenturen bisher als Geheimrezept verkauften: Prozess, Messung, Vertrag. Ein BA an der Arizona State ist dafür das sichtbarste Zeichen, keine Modeerscheinung.

DACH hinkt beim Nachwuchs hinterher. Das wird teuer.

Wo bleibt das deutsche Gegenstück? Als Seminar im Medienstudium, bestenfalls. Als eigener Studiengang: kaum vorhanden. Dabei liefert Syracuse, was eine Forschungsuniversität mitnimmt: Im Oktober veröffentlichte das Center seinen ersten Creator-Economy-Report, mit dem Ergebnis, dass YouTube das Fernsehen als wichtigste politische Nachrichtenquelle der Amerikaner abgelöst hat. Dazu kommen ein Studio unter Studentenregie und ein Tool-Pool, den jede Studentin nutzen kann. Syracuse nennt das einen Burggraben, logisch breit und tief genug, um einen Vorsprung zu sichern. In Stuttgart, Hamburg und Zürich wächst der Nachwuchs derweil in Discord-Servern und Praktika heran: zufällig, unbezahlt, ohne Methodik, ohne Forschung. Das ist kein Nachwuchsmodell, das ist Glücksspiel.

Für Händler in DACH folgt daraus ein Personalplan. Der Einkäufer für Influencer-Kooperationen braucht Mitarbeitende, die Attribution, Vertragsrecht und Produktion beherrschen, weil niemand mehr mit Bauchgefühl Buys tätigt. Die Agentur, die solche Skills heute noch als Blackbox verkauft, wird 2028 unbezahlbar. Der erste Schritt ist ein Inventar: Welche Creator-Aufgaben kaufen Händler heute extern ein, und welche gehören ins feste Team? Morning Consult fand 2023 heraus, dass mehr als die Hälfte der jungen Menschen Creator oder Influencer werden will. Diese Generation bewertet Marken über Kanäle, die kein Shop-Banner erreicht. Wer sie nur bucht, kauft Reichweite. Wer sie versteht, baut Vertrieb. Spätestens wenn die erste Hochschule in München oder Wien nachzieht, ist der Vorsprung weg. Das Fenster für Selbstausbildung schließt sich, sobald der Wettbewerb akademisch denkt.

Der Campus hat die Creator Economy adoptiert, bevor der Mittelstand sie verstanden hat. Die Hochschulen wetten auf eine Branche mit 50 Millionen Teilnehmern. Der Mittelstand in DACH bringt den Nachwuchs nicht mit. Händler in DACH stehen jetzt vor der Wahl: eigene Akademie oder fremde Absolventen. Alles andere ist eine Ausrede, die sich im Quartalsbericht nicht verstecken kann. Wann schließt du dein nächstes Budget für Creatortalent, und an wen vergibst du es, an den Praktikanten aus Pennsylvania oder an den aus Pforzheim?