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E-Commerce Globalisierung: Warum Englisch als Ausgangspunkt 40 Prozent Umsatz kostet

E-Commerce Globalisierung: Warum Englisch als Ausgangspunkt 40 Prozent Umsatz kostet

Ein Berliner D2C-Brand, der im Sommer 2024 in die Niederlande und nach Polen expandierte, startete seine Internationalisierung mit einem englischen Shopify-Template und deutschen Produktbildern. Drei Monate später lag die Conversion Rate in Warschau bei 0,8 Prozent. Im Berliner Heimatmarkt waren es 3,2 Prozent. Der TikTok-Ads-ROAS brach um 60 Prozent ein. Das Problem war nicht der Preis, nicht die Lieferzeit und nicht das Produkt. Es war die Sprache – genauer gesagt: die stillschweigende Annahme, dass Englisch als Ausgangspunkt für globale Skalierung ausreicht.

Diese Annahme ist im E-Commerce tief verankert. 76 Prozent der Verbraucher bevorzugen Produktinformationen in ihrer Muttersprache. 40 Prozent kaufen gar nicht erst, wenn diese Information fehlt. Die Zahlen stammen aus einer CSA-Research-Studie und kursieren seit Jahren durch Präsentationen. Trotzdem zeigt sich in fast jedem Strategie-Workshop, den ich mit Händlern aus dem DACH-Raum führe: English-first bleibt der Default. Produktbeschreibungen, Kampagnenbriefings, Performance-Creative und interne Taxonomien werden auf Englisch angelegt. Die lokale Sprache wird zum Übersetzungs-Add-on, nicht zum strategischen Fundament.

Die Haltung ist verständlich. Englisch ist die Sprache der APIs, der E-Commerce-Tools und der internationalen Teams. Für ein Münchner Sportlabel oder eine Zürcher Supplement-Marke erscheint es effizient, erst den englischen Master zu füllen und dann „schnell“ in die lokalen Märkte zu rollen. Der CFO sieht Einsparungen bei den Content-Kosten. Das Marketing verspricht sich kürzere Time-to-Market. Doch genau hier entsteht der teuerste Blindspot der E-Commerce-Globalisierung. Die Einsparung beim Content wird über die teure Performance-Marketing-Subventionierung der schlechten Conversion wieder hereingeholt.

Warum setzen Händler auf Englisch, obwohl die Zahlen dagegensprechen?

Die Entscheidung für Englisch ist selten eine Kundenentscheidung. Sie ist eine Organisationsentscheidung, getrieben vom CFO, der Übersetzungskosten als variablen Posten in seiner Excel-Planung sieht, und vom CMO, der „schnell in fünfzehn Märkte gehen“ will, ohne fünfzehn Teams aufbauen zu müssen. In den meisten mittelständischen Händlerunternehmen, die ich berate, sitzt die Produktverantwortung in einem deutschsprachigen Hauptquartier, während das Tech-Team in Portugal oder Indien arbeitet. Englisch wird zur Kommunikations-Schicht zwischen internen Stakeholdern. Die Kundensprache gerät aus dem Blickfeld, weil sie den internen Prozess stören würde.

Hinzu kommt ein Irrtum, der besonders im DACH-Raum verbreitet ist: Weil deutsche Konsumenten überdurchschnittlich oft bereit sind, englische Webseiten zu nutzen, schließen Händler fälschlich, dass dies für andere Märkte gelte. Ein Schweizer Händler, der mit Hochdeutsch auch die französische Schweiz bedienen will, macht bereits das gleiche Denkfehler. Die Toleranzschwelle für Fremdsprachen im B2C-E-Commerce ist dramatisch niedriger, als interne Dashboards vermuten lassen. Kampagnen, die auf englischen Landingpages enden, kaufen teuren Traffic ein, den sie nicht konvertieren können. Der ROAS bricht zusammen, und das Team rückt die Preise oder die Creatives zurecht – nicht die Sprache.

Was passiert im Checkout, wenn die Sprache nicht passt?

Der Checkout ist der Moment der Wahrheit. Nicht, weil hier die Übersetzung am offensichtlichsten scheitert, sondern weil hier Vertrauen zerbricht. Ein niederländischer Kunde, der auf eine englische Seite gelangt, sieht vielleicht noch das richtige Produkt. Sobald er die Adresseingabe erreicht, fehlen die Format-Hinweise für niederländische Postleitzahlen. iDEAL, die dort bevorzugte Zahlungsmethode, taucht nicht als primäre Option auf. Retourenhinweise sind auf Englisch formuliert, was den Eindruck erweckt: Hier gibt es keinen lokalen Support. Der Kunde schließt den Tab.

In Polen wächst die Kaufabbruch-Rate spürbar, wenn BLIK oder lokale Ratenzahlungsanbieter fehlen. Der Kunde muss mental übersetzen, statt passiv zu konsumieren. Jede kognitive Reibung im Bezahlprozess wird als Signal gewertet: Dieser Shop ist nicht für mich gebaut. Der Warenkorb wird verlassen. Nicht aus Preissensibilität, sondern aus Unsicherheit. Die 40 Prozent Kaufverweigerung aus der CSA-Studie manifestieren sich hier nicht als böswilliger Absprung, sondern als rationaler Schutzreflex des Konsumenten.

Kernsatz: Sprache im Checkout ist kein Übersetzungsproblem, sondern ein Vertrauensproblem. Wer die Zielsprache nicht von Anfang an in die Architektur des Shops integriert, baut nicht nur Content, sondern auch Conversion-Verluste ein.

Warum reicht Übersetzung nicht, wenn der Prozess bei Englisch startet?

Wenn Englisch der Master ist, wird lokalisiert, nicht erdacht. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Ein deutsches „Du“ oder „Sie“ lässt sich nicht aus einem englischen „You“ ableiten. Es ist eine strategische Markenentscheidung, die in Deutschland andere Conversion-Raten produziert als in Österreich oder der Schweiz. Startet der Prozess auf Englisch, wird diese Entscheidung zur technischen Nachbetrachtung. Die Übersetzungsagentur entscheidet ad hoc, ohne die Marken-Positionierung zu kennen.

Ähnlich verhält es sich mit kulturellen Codes. Begriffe wie „Nachhaltigkeit“ oder „Premium“ tragen in Frankreich, Skandinavien oder Italien unterschiedliche semantische Gewichte. Ein englischer Claim wie „Sustainably Made“ mag im Master-Dokument konsistent klingen. Für einen polnischen Käufer wirkt er abstrakt, für einen französischen Käufer politisch aufgeladen, für einen deutschen Käufer oft austauschbar. Transcreation, also die Neuschöpfung von Content in der Zielsprache, erfordert einen mentalen Reset. Sie funktioniert nicht, wenn ein englischer Textblock als unantastbare Vorlage gilt.

Sogar scheinbar neutrale Elemente wie Filter, Taxonomien und SEO-Strukturen leiden unter dem English-Default. Ein Berliner Fashion-Händler, der seine Kategorien in Englisch anlegt und dann übersetzen lässt, verliert lokale Longtail-Keywords. Die niederländische Suchintention nach „jurk met bloemen“ wird nicht durch die Übersetzung von „floral dress“ abgedeckt. Die Händler kaufen sich so teuren SEA-Traffic, den sie mit organischer Suche nicht auffangen können. Die lokale Sichtbarkeit bleibt auf Null.

Wie drehen erfolgreiche Händler die Sprachhierarchie um?

Die Händler, die den Cross-Border-Commerce in Europa aktuell erfolgreich aufbauen, fangen nicht mit Englisch an. Sie fangen mit der lokalen Buyer Persona an. Ein Münchner D2C-Brand, der nach Spanien expandiert, engagiert kein Übersetzungsbüro in Berlin, sondern einen spanischen Copywriter in Madrid. Dieser schreibt die Produktbeschreibung neu, basierend auf lokalen Nutzungskontexten, nicht auf einem deutschen oder englischen Briefing. Die spanische Landingpage entsteht als Original, nicht als Derivat.

Technisch bedeutet das: Headless CMS und PIM-Systeme, die von Beginn an multilinguale Strukturen erlauben, ohne einen englischen Master als Pflichtfeld zu definieren. Jeder Markt erhält sein eigenes Content-Ökosystem. Die Kosten steigen kurzfristig. Doch die Customer-Acquisition-Costs sinken, weil die Conversion steigt und der Retouren-Aufwand sinkt. Wer in Warschau auf Polnisch verkauft, hat weniger Rückfragen beim Kundenservice und weniger Retouren mit dem Grund „Artikel entspricht nicht der Beschreibung“. Die sprachliche Präzision zahlt sich direkt im operativen Ergebnis aus.

Wer gewinnt den europäischen Cross-Border-Markt?

Die europäische E-Commerce-Landschaft fragmentiert sich weiter. Nicht zentralisiert. Die Plattformökonomie von Amazon mag auf Englisch operieren, aber der D2C-Sektor lebt von Nähe. Die Händler, die 2030 die Cross-Border-Märkte in Europa dominieren, werden nicht die sein, die das beste Englisch sprechen. Sie werden die sein, die frühzeitig aufgehört haben, ihre Kunden als kostenlose Übersetzer zu beschäftigen. Globalisierung im E-Commerce beginnt nicht mit einer Sprache, die alle verstehen. Sie beginnt mit der Sprache, in der jeder einzelne Markt kauft.