Die Girocard bekommt eine In-App-Bezahlfunktion. EURO Kartensysteme GmbH, der Betreiber hinter Deutschlands meistgenutzter Debitkarte, hat das Vorhaben offiziell bestätigt und eine Pilotvereinbarung geschlossen. Damit rückt die Karte dorthin, wo der Handel wächst: in die Apps von Onlineshops, Lieferdiensten und Click-and-Collect-Angeboten.
Für Händler ist das mehr als eine technische Randnotiz. Bisher ließ sich die Girocard im E-Commerce praktisch nicht einsetzen, wer online bezahlen wollte, griff zu Debitkarten von Visa oder Mastercard, zu PayPal oder zu Kauf auf Rechnung. Apple Pay und Google Pay sind längst in Shop-Apps integriert. Die deutsche Bankenwelt lief diesem Markt hinterher, jetzt soll die Lücke geschlossen werden.
Was ändert sich konkret für den Checkout?
Die neue Funktion soll es Kunden ermöglichen, ihre Girocard direkt in der Händler-App zu hinterlegen, ohne manuelle Eingabe von Kartendaten und ohne separates Registrierungsverfahren. Die Authentifizierung läuft über das bestehende Onlinebanking, die Banking-App und das gewohnte TAN-Verfahren des Kartenherausgebers. Wer einen Händler als vertrauenswürdig markiert, überspringt bei Folgekäufen sogar die erneute Freigabe. Das senkt die Hürden im Bezahlvorgang deutlich, und weniger Hürden bedeuten messbar bessere Conversion im Checkout.
EURO Kartensysteme positioniert das Angebot explizit als kostengünstigen Zahlungskanal für Händler. Die Gebührenstruktur dürfte damit unter dem liegen, was internationale Kartenschemes und Wallet-Anbieter für In-App-Transaktionen aufrufen. Für Shops mit vielen wiederkehrenden Kunden, etwa im Lebensmittelhandel, bei Delivery-Services oder Abo-Modellen, ist das ein ernst zu nehmender Hebel auf die Payment-Kosten.
Wie groß ist das Marktpotenzial wirklich?
Die Zahlen der EHI Retail Institute geben den Vorplänen Substanz. 36 Prozent der befragten Händler planen laut der Studie, In-App-Käufe anzubieten, weitere 18 Prozent bereiten die Einführung vor. Mehr als die Hälfte des stationär geprägten Handels bewegt sich also Richtung App-Checkout, und genau dort soll die Girocard künftig akzeptiert werden.
Das Einsatzspektrum reicht über den klassischen Warenkorb hinaus: Click-and-Collect, Lieferdienste, Tankstellen, Fahrkartenkauf. Für Shopbetreiber mit eigener App bedeutet das eine zusätzliche Zahlart direkt an der Stelle, an der Kunden ohnehin schon mit ihrem Girokonto verknüpft sind. In Deutschland, wo die Girocard nach wie vor das dominierende Kartenprodukt ist, adressiert das eine Zielgruppe, die weder eine Kreditkarte besitzt noch Wallets wie Apple Pay für Onlinekäufe nutzt.
„Girocards werden dort verfügbar sein, wo Kunden zunehmend bezahlen“, so EURO Kartensysteme GmbH.
Vorsicht ist bei den Erwartungen angebracht. Bisher existiert lediglich eine Pilotvereinbarung zwischen Händlern und Banken. Wann die Funktion flächendeckend in Payment-Plugins für Shopware, Shopify oder JTL auftaucht, steht nicht fest. Wer heute seinen Payment-Mix plant, sollte die Entwicklung beobachten, aber keine kurzfristige Umsatzwirkung einpreisen.
Handlungsempfehlung für Shopbetreiber
Wer eine eigene Shop-App betreibt oder für 2027 plant, sollte seinen Payment-Service-Provider jetzt auf die Girocard-Integration ansprechen. Die entscheidende Frage lautet: Wird der Anbieter den In-App-Kanal über das bestehende Terminal- und Acquiring-Verhältnis abbilden können, oder ist ein separater Vertrag nötig? Shops ohne eigene App können abwarten, im klassischen Web-Checkout bleibt vorerst alles beim Alten. Wer hingegen Kundendaten zu abgebrochenen Käufen an der Zahlart-Auswahl auswertet, hat jetzt ein neues Argument, den deutschen Kartenstandard im Blick zu behalten. Die Girocard war online bisher ein Leerraum. Genau das macht die Pilotmeldung relevant: Hier entsteht eine Zahlart, die deutsche Händler bisher nicht anbieten konnten, zu Konditionen, die den Wettbewerb im Payment-Markt spürbar verändern dürften.
