Ein Smartphone-TV-Bundle, ein Beratungsgespräch, ein Kartengerät auf dem Mitarbeiter-Tablet, und der Einkauf ist bezahlt, ohne dass der Kunde je eine Kasse gesehen hat. Genau so stellt sich die Ceconomy AG die Zukunft von Media Markt vor. Wie die Lebensmittel-Zeitung berichtet, plant der Konzern ein Bezahlsystem namens „Pay-on-Shopfloor“: Der Kaufabschluss soll unmittelbar in das Beratungsgespräch auf der Verkaufsfläche eingebunden werden. Die zentrale Kasse entfällt, zumindest dort, wo das Konzept greift. Nach Unternehmensangaben ist die Einführung zeitnah vorgesehen, konkrete Startstandorte sind bisher nicht genannt.
Für den deutschen Handel ist das mehr als eine Filialkosmetik-Maßnahme. Ceconomy, der Mischkonzern hinter Media Markt und Saturn, testet damit ein Prinzip, das bisher vor allem aus Apple Stores und Premium-Retail-Umgebungen bekannt war: Mobile Point-of-Sale-Systeme wandern direkt zum Kunden. Die klassische Kassenzonen-Logik, Waren aufs Band, Schlange stehen, bezahlen, verliert ihre Monopolstellung.
Was genau plant Media Markt beim Bezahlen?
Das Kernversprechen: Der Kunde bezahlt dort, wo er beraten wird. Statt nach dem Gespräch zur Kasse zu gehen, schließt der Mitarbeiter den Kauf direkt auf der Fläche ab. Ceconomy will dadurch Wartezeiten reduzieren und den Bezahlvorgang effizienter gestalten. Die Verkäufer bekommen zudem Unterstützung durch neue Software: Auf den mobilen Geräten der Mitarbeiter erprobt das Unternehmen eine KI-Anwendung, die Verkaufsgespräche begleitet. Ein zweiter Testballon ist ein KI-Agent, der Kunden, nach deren ausdrücklicher Zustimmung, aktiv Hilfestellung anbietet.
Parallel läuft ein weiterer Baustein. In ausgewählten Tech Villages, den Flagship Stores des Konzerns, startet eine Beratung per Video. Mitarbeiter sollen Kunden sowohl im Markt als auch digital betreuen, ein Ansatz, der die Grenze zwischen stationärem Handel und Online-Shop weiter verwischt.
Warum kritisiert der Verbraucherschutz das Konzept?
Die Kritikpunkte der Verbraucherschützer sind konkret und wenig überraschend. Der Kauf verliert seine Anonymität: Wer direkt beim Berater bezahlt, kauft „vor Augen“ eines Mitarbeiters ein. Daraus könne indirekt Kaufdruck entstehen, etwa, wenn ein Kunde nach längerer Beratung nicht kaufen will, sich aber verpflichtet fühlt. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Während eine Kasse parallel viele Kunden abfertigt, kann ein Beratender nur einen Kunden gleichzeitig bedienen. Wer auf einen freien Mitarbeiter warten muss, wartet unter Umständen länger als an der Schlange vor der Kasse.
Ein dritter Punkt betrifft den Kassenbon. Sollte dieser künftig nur noch digital ausgestellt werden, etwa per E-Mail, sehen Datenschützer ein Problem: Wer seinen Bon haben will, muss seine Mailadresse preisgeben. Das erzeugt einen Datenabgleich, der im stationären Handel bisher nicht üblich war.
Was bedeutet das für Shopbetreiber und Online-Händler?
Für reine Online-Händler ist die Meldung zunächst ein Indikator, kein direkter Handlungsauftrag. Sie zeigt aber, in welche Richtung der größte deutsche Elektronikhändler denkt: Der Bezahlvorgang wird zunehmend als Teil des Kundenerlebnisses behandelt, nicht als notwendiges Übel am Ende der Customer Journey. Wer stationär und online aktiv ist, sollte den eigenen Checkout-Prozess auf denselben Prüfstand stellen, Abbruchraten an der Kasse im Markt funktionieren letztlich wie Checkout-Abbrüche im Webshop.
Relevant ist die Entwicklung auch für den Tech-Stack im Omnichannel-Bereich. Mobile POS-Lösungen wie Shopify POS, Lightspeed oder die mPOS-Angebote von Zettle und SumUp machen das Pay-on-Shopfloor-Prinzip längst für mittelgroße Händler verfügbar, ohne dass man die Filialarchitektur eines Konzerns braucht. Wer Click-and-Collect oder Filialabholung anbietet, kann die Logik heute schon testen: Abholung und Zahlung am selben Punkt, vom selben Mitarbeiter.
Die Saturn-Marke bekommt im Zuge der Umbauphase ebenfalls ein neues Gesicht. Die Zahl eigenständiger Saturn-Filialen ist von früher 150 auf 27 Standorte gesunken. Laut Ceconomy hat die Umwandlung bisheriger Saturn-Märkte in Media-Markt-Filialen bereits ein Umsatzplus von zehn Prozent gebracht. Als Showroom-Konzept, mit Fokus auf Gaming und Technologietrends, sollen die ersten Saturn-Flächen 2027 in Deutschland eröffnen.
Ob Pay-on-Shopfloor Kunden wirklich schneller durch den Markt bringt, wird sich erst im Betrieb zeigen. Fest steht: Wer den Bezahlvorgang dorthin verlagert, wo die Beratung stattfindet, verlagert auch die Verantwortung für den Kaufabschluss, und damit den größten Hebel für Conversion, direkt in die Hand des Verkaufspersonals.
