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Midas will zur Bank – und das ist kein Einzelfall

Midas will zur Bank – und das ist kein Einzelfall

Der uninteressanteste Schritt der Branche ist der wichtigste

57 E-Geld-Institute gibt es laut türkischer Zentralbank bereits im Land. Midas, ein 2020 gegründeter Broker aus Istanbul, beantragt nun die 58. Lizenz. Das Unternehmen bedient rund vier Millionen Anlegerinnen und Anleger, gewachsen während des COVID-Lockdowns und der Inflationsjahre, in denen Türken Aktien als Schutz für ihre Ersparnisse entdeckten. Gründer Egem Ersalan erzählte Bloomberg, dass Midas eine digitale Wallet und Prepaid-Karten aufbauen will, damit Kunden das Geld auf ihren Konten direkt ausgeben können. Als Vorbild nennt er Robinhood, das 2024 mit eigener Kreditkarte in die Consumer Payments eingestiegen ist.

Diese Meldung klingt nach einem fernen türkischen Markt. Sie ist es nicht. Sie zeigt den nächsten Schritt einer Entwicklung, die jeden Händler in Deutschland, Österreich und der Schweiz bald direkt betrifft: FinTechs und Plattformen wollen das Zahlungsverhalten ihrer Kunden nicht mehr nur vermitteln, sondern kontrollieren. Wer das Girokonto mit Zahlungsfunktion besitzt, besitzt die Kundenbeziehung. Alles andere – Investieren, Sparen, Kredit, Versicherung – wird drumherum angeflanscht.

These: Händler, die Payment weiterhin als reine technische Abwicklung behandeln, verlieren an Einfluss, Daten und am Ende an Marge.

Payment ist längst ein Vertriebskanal

Midas hat vier Millionen junge, mobile, anlageaffine Nutzer. Bisher hat das Unternehmen ihnen geholfen, in türkische, US-amerikanische und europäische Aktien, in Fonds und Kryptowährungen zu investieren. Jetzt soll dasselbe Konto zum Bezahlen werden. Der Grund ist ökonomisch simpel: Transaktionsdaten sind das Rohmaterial für Cross-Selling, für Risikoscoring, für Loyalität. Wer weiß, wie sein Kunde ausgibt, kann ihm das nächste Produkt genau dann anbieten, wenn er es braucht. Das ist kein türkisches Phänomen. Klarna baut Banking-Funktionen, Shopify bietet Geschäftskonten, Apple versucht seit Jahren, das iPhone zur Wallet zu machen.

Für E-Commerce-Händler in DACH bedeutet das eine fragmentiertere Zahlungslandschaft. Statt einer handvoll Kreditkarten und PayPal stehen künftig dutzende Wallet-Anbieter, Super-Apps und branchenspezifische FinTechs nebeneinander. Jeder dieser Player kontrolliert einen Teil der Customer Journey, jeder will Provisionen, jeder bringt eigene Compliance-Regeln mit. Die gute Nachricht: Mehr Anbieter bedeuten mehr Wettbewerb und oft bessere Konversionsraten bei bestimmten Zielgruppen. Die schlechte: Du als Händler verlierst zunehmend die direkte Verbindung zum Zahlenden.

“A bank charter is not a trophy, and it certainly isn’t a product label, but it’s a public trust.” – Rodney E. Hood, ehemaliger acting comptroller of the currency, im Januar in einem Interview mit Competition Policy International, einem Unternehmen von PYMNTS.

Das BaaS-Modell wird brüchig

PYMNTS hat Anfang des Jahres treffend beschrieben, wie FinTechs traditionell gebaut haben: nicht als Banken, sondern um Banken herum. Sie haben Partnerbanken für Zugang zu Zahlungsinfrastrukturen, Einlagensicherung und Compliance genutzt, statt selbst von Grund auf zu bauen. Das war schnell, aber fragil. Sponsor-Banken können Konditionen ändern, Regulierer können Richtlinien neu auslegen, und hochkarätige Pleiten haben die Grenzen von Banking-as-a-Service öffentlich sichtbar gemacht. Midas bewegt sich nun in die entgegengesetzte Richtung: eigene Lizenz, eigene Wallet, eigene Karten. Der Aufwand ist höher, die Kontrolle auch.

In der EU und damit in DACH ist der Weg zur eigenen Banklizenz steiniger als in der Türkei. MiCA, DORA, die Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz-Novelle und die anstehende PSD3/PSR-Reform verschärfen die Anforderungen für E-Geld-Institute und Zahlungsinstitute massiv. Wer heute als Händler auf ein BaaS-Modell setzt, sollte genau prüfen, auf wessen Lizenz er eigentlich fährt. Die Lizenz ist nicht nur ein Produktlabel, sondern öffentliches Vertrauen, wie Hood formuliert. Wenn der Partner wackelt, wackelt dein Geschäftsmodell mit.

Handlungsempfehlung statt Zuschauen

Was also tun? Zuerst: Payment-Stacks diversifizieren. Abhängigkeiten von einem einzigen Anbieter sind strategisch gefährlich, wenn dieser Anbieter plötzlich seine Konditionen oder sogar sein Geschäftsmodell ändert. Zweitens: Verträge auf Datenportabilität und Exit-Klauseln prüfen. Wenn ein FinTech die Lizenz verliert oder aufgekauft wird, muss der Wechsel des Providers ohne Unterbrechung möglich sein. Drittens: SCA, KYC und Risikomanagement nicht blind outsourcen. Wer die regulatorischen Prozesse seiner Zahlungsanbieter nicht versteht, übernimmt am Ende deren Probleme.

Zugleich sollten Händler neue Player als Vertriebskanal ernst nehmen. Eine Wallet mit vier Millionen jungen, mobilen Kunden ist kein bloßes Zahlungsmittel, sondern ein Zugangstor. Wer früh integriert ist, wenn solche Plattformen den europäischen Markt erreichen, gewinnt Reichweite vor der Konkurrenz. Für Händler mit türkischem Kundenstamm oder Expansionsplänen in die Region ist Midas ohnehin kein abstrakter Trend mehr, sondern ein konkreter neuer Touchpoint.

Midas will nicht nur dein Geld anlegen. Es will, dass du es über seine Karte ausgibst. Die Frage ist nicht, ob dieser Trend nach Europa kommt, sondern wann. Und die viel drängendere Frage für Händler lautet: Wann hörst du auf, deine Zahlungsinfrastruktur als lästige Kostenstelle zu behandeln – und fängst an, sie als Wettbewerbsvorteil zu bauen?