Meinung Meinung

Primark spaltet sich ab – und greift den deutschen Online-Modehandel an

Primark spaltet sich ab – und greift den deutschen Online-Modehandel an
These: Primarks geplanter Split von Associated British Foods und die systematische Rekrutierung von Führungskräften aus Ikea und H&M markieren den Endpunkt seiner digitalen Zurückhaltung. Wer im DACH-Raum online Mode verkauft, muss ab sofort mit einem aggressiven, kapitalstarken Discount-Riesen rechnen, der endlich seine Logistik- und E-Commerce-Lücken schließt.

Primark hat in Deutschland keinen vollwertigen Online-Shop. Trotzdem drückt das Unternehmen mit über 180 Filialen im Land seit Jahren die Preise im gesamten Modehandel. Jede neue Einkaufsstraße, jedes Outlet-Center und jeder Bahnhofskiosk in München, Berlin oder Hamburg, der billige Basics verkauft, spürt den Atem dieses Konzerns. Bisher beruhigte sich der Wettbewerb damit, dass Primark eben „nur stationär“ sei. Das ändert sich jetzt – und zwar von der Kapitalseite her.

Die Nachricht, dass Lucy Slinger die Finanzführung übernimmt, liest sich auf den ersten Blick wie eine interne Personalie. Sie ist das genaue Gegenteil. Slinger kommt von Ingka Group, dem globalen Franchise-Betreiber der meisten Ikea-Märkte. Dort hat sie seit 2021 die Deputy-CFO-Rolle inne und weiß, wie man ein weltweites Netzwerk aus Mega-Lägern, Fernost-Einkauf und Click-and-Collect-Logik auf engste Margen trimmt. Ikea vertreibt Milliardenwerte in Kartons und online, ohne je die Preise zu vergolden. Genau diese Mischung aus brutaler Kostendisziplin und digitaler Skalierung braucht Primark, wenn es bis Ende 2027 als eigenständige Aktiengesellschaft am Markt stehen will.

Grace Noto, Senior Editor bei Retail Dive, schrieb am 12. Juni 2026 unter Berufung auf eine Pressemitteilung, dass Slingers Aufgabe die strategische Kapitalallokation für ein unabhängiges Primark sein wird. Die Abspaltung von AB Foods, hinter der die Mehrheitseigner von Wittington Investments stehen, trennt die Modekette vom Lebensmittel-Geschäft mit Twinings und Ovaltine. Das Management verspricht sich davon eine „klarere Investitionsstory“ – Code für: Wir müssen Wachstum liefern, das institutionelle Anleger verstehen. Und der einzige Hebel, der bei Primark noch substantiell frei liegt, heißt E-Commerce.

„Primark will auf Slingers tiefe Expertise in finanzieller und operativer Führung sowie strategischer Kapitalallokation setzen.“ – Retail Dive, Grace Noto, 12. Juni 2026

Ein Spin-off zwingt zum digitalen Wachstum

Steht Primark als eigenständige Aktiengesellschaft am Markt, muss es Investoren eine klare Wachstumsstory liefern. Physische Expansion allein reicht nicht. Das Management hat längst signalisiert, dass es „multiple Hebel“ ziehen will. Eoin Tonge, seit März CEO, und Filip Ekvall, der neue Chief Commercial Officer und früherer H&M-Manager, sitzen bereits am Steuer. Ekvall hat bei einem der digitalsten Modekonzerne Europas gelernt, wie man Online-Sortimente, App-Transaktionen und Marketplace-Logik auf Discount-Niveau skaliert. Bei H&M hat er gesehen, wie ein App-basierter Kundenstamm mit Store-Abholung und Retouren-Integration die reinen Online-Kosten senkt. Zusammen mit Slinger bilden die drei ein Führungsteam, das auf eine klare Aufgabe programmiert ist: Primark von einem Ladenbesitzer zu einem Retail-Netzwerk zu machen, in dem jeder Euro Umsatz online genauso billig erzeugt wird wie offline.

Deutsche Händler unterschätzen die Bedrohung

Für den E-Commerce in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das alles andere als eine Nachricht aus der Ferne. Primark greift hier direkt in die Preisspanne ein, in der Zalando, About You und eine Flut von Marktplatz-Händlern auf Amazon oder Temu agieren. Bisher beruhigte sich der Wettbewerb damit, dass Primark eben „nur stationär“ sei. Diese Trennmauer bröckelt. Slinger wird in ihrer neuen Rolle nicht nur Bilanzen lesen, sondern Investitionsentscheidungen für ein Netzwerk treffen, das in DACH bereits die dichteste Ladenfläche des gesamten Konzerns hat. Jeder neue Fulfillment-Standort, jede Click-and-Collect-Integration und jede App-Transaktion wird von der gleichen Knochenarbeit geprägt sein, die Ikea in selbst zu montierende Möbel und digitalen Absatz gepackt hat: zentralisierte Lager, Transportoptimierung und eine Preisgestaltung, die Margen als Designfehler behandelt.

Der eigentliche Unterschied: Primark muss nicht bei null anfangen. Markenbekanntheit, Kundenstamm und Einkaufspower bringt es bereits mit. Was dem Unternehmen fehlte, war die Technologie und die Logik, diese Stärke ins Internet zu übertragen. Genau dafür holt sich das Management jetzt externe Schwergewichte. Die Kapitalmärkte werden keine Geduld mit einer reinen Flächenexpansion haben. Sie wollen Daten, App-Ökosysteme und Logistik, die die bestehenden 180 deutschen Filialen als Mini-Fulfillment-Center nutzt. Wer das nicht glaubt, sollte sich ansehen, wie Ikea seine Läden in Lager für Online-Bestellungen verwandelt hat.

Zalando sollte aufwachen

Die deutsche Mode-Plattform hat jahrelang in einem Markt gewachsen, in dem der größte europäische Discount-Modehändler digital nicht existierte. Das war ein Wettbewerbsvorteil. Er ist weg. Wenn Primark bis 2027 seine Online-Infrastruktur auf Ikea-Niveau geführt hat, reden wir nicht mehr über ein paar ergänzende Web-Shop-Verkäufe, sondern über einen Preiskrieger mit Milliarden-Budget und lokaler Dichte. Temu und Shein liefern aus China. Primark liefert aus dem Laden um die Ecke – zu Preisen, die kein deutscher Online-Händler unterbieten kann, solange er Versand und Retouren zahlt.

Wer Primark als bloßen Betreiber von Fußgängerzonen-Filialen abtut, wird bis 2027 sein Geschäftsmodell in Frage gestellt sehen. Die Frage ist nicht, ob der Discounter in Deutschland digital relevant wird. Vielmehr gilt es zu klären, wie viele etablierte Online-Händler bis dahin die Preise halten können.