Seit 2023 betreibt Amazon in Deutschland 14 Same-Day-Stationen. In Berlin, München und Hamburg liefert der Konzern sieben Tage die Woche am selben Tag – oft innerhalb weniger Stunden. Was nach operativer Routine aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Milliarden-Experiment mit offenem Ausgang.
Same-Day Delivery hat sich in deutschen Großstädten von einer Premium-Option zur Erwartungshaltung verschoben. Die Kunden zahlen dafür nicht mehr. Der Händler trägt die Differenz. Dabei verschlingt die letzte Meile bis zu 50 Prozent der gesamten Logistikkosten – bei einer Liefergeschwindigkeit, die im stationären Handel nicht einmal kostenlos wäre.
Die Rechnung ist ernüchterend. Während eine Standard-Zustellung im B2C-Schnitt bei drei bis fünf Euro liegt, kostet die echte Same-Day-Auslieferung ohne Bündelungseffekte schnell das Doppelte. Jemand muss die Lücke schließen. Im Zweifel der Händler.
Warum ist Same-Day Delivery zur Zwickmühle für Händler geworden?
Die Antwort liegt in einer einfachen Gleichung, die nicht aufgeht. Kunden begreifen Lieferungen am selben Tag längst als kostenlosen Service. Gleichzeitig explodieren in der letzten Meile die Personalkosten, Fahrzeugflotten und Routenplanung. Ein Paket, das binnen Stunden statt Tage ankommt, durchläuft keine Nachtrag-Sortierung, keine Bündelung mit anderen Sendungen und keine effiziente Tourenoptimierung. Der Fahrer fährt dafür oft allein.
Laut einer Meta-Analyse aktueller E-Commerce-Reports nennen über 60 Prozent der deutschen Online-Käufer die Liefergeschwindigkeit als wiederkehrenden Entscheidungsfaktor. Wer hier nicht mithält, fliegt aus der Consideration-Phase. Doch nur weil der Kunde es will, heißt das nicht, dass er es bezahlt. Abo-Modelle wie Amazon Prime verschleiern den Preis. Der Einzelhändler ohne Milliarden-Bilanz sieht nur die Rechnung.
Besonders brisant ist die Situation für Mittelständler im DACH-Raum. Lohnkosten für Zusteller liegen hier deutlich über dem globalen Schnitt. Eigene Flotten aufzubauen, lohnt sich fast nur für Lebensmittel-Händler mit hoher Frequenz oder für Elektronik-Anbieter mit hohen Margen. Der Rest duckt sich weg oder übergibt die Kontrolle an Plattformen.
Dazu kommt die Retourenfalle. Schnell gelieferte Artikel werden häufiger zurückgeschickt, weil Kunden impulsiver bestellen. Die doppelte Fahrt frisst die ohnehin knappe Marge. Same-Day Delivery entpuppt sich als Hebel, der nicht nur die Logistik, sondern das gesamte Unit-Economics-Modell belastet.
Was das Quick-Commerce-Fiasko über die letzte Meile verrät
Das Drama um Gorillas, Flink und Getir war der teuerste Stress-Test für Same-Day-Logistik in Europa. Gorillas, 2021 noch mit einer Milliardenbewertung gefeiert, wurde aufgespalten und verkauft. Getir zog sich nach massiven Verlusten aus mehreren europäischen Märkten zurück. Flink überlebte dank weiterer Finanzspritzen, bleibt aber hochdefizitär. Das Fazit: Reine Instant-Delivery-Modelle ohne breites E-Commerce-Backend sind im DACH-Markt nicht profitabel skalierbar.
Getir und Flink operierten aus sogenannten Dark Stores – kleinen Lagerflächen in Wohngebieten, die keinem stationären Verkauf dienten. Die Mieten in Berlin-Kreuzberg oder München-Schwabing sind für reine Logistikflächen horrend. Die Umsatzrendite pro Quadratmeter musste deshalb extrem hoch sein. Das gelang nicht. Die Startups haben gezeigt, dass Schnelligkeit allein kein Geschäftsmodell ist, sondern höchstens ein Feature.
Deren Erbe ist dennoch spürbar. Sie haben das Kundenverhalten verändert. Wer einmal ein iPhone-Ladekabel oder ein Paar Sneaker binnen zehn Minuten geliefert bekam, akzeptiert bei anderen Händlern keine 48 Stunden mehr. Die Erwartungshaltung ist da. Die Infrastruktur, sie bezahlen zu können, fehlt weiterhin.
„Wer die schnellste Lieferung gratis verspricht, kauft sich Marktanteile auf Kosten der Bilanz.“
Wie Amazon und Zalando die Logik der letzten Meile neu schreiben
Amazon versteht Same-Day Delivery nicht als isoliertes Angebot, sondern als Verteidigungswall. Die 14 deutschen Same-Day-Stationen sind in bestehende Fulfillment-Center integriert. Der Konzern cross-subsidiert den Service über Prime-Abo-Gebühren und Werbeeinnahmen. Die Kosten pro Sendung sinken durch maschinenlesbare Sortierung, eigene Zusteller und datenbasierte Routenoptimierung. Amazon kann es sich leisten, fünf Jahre lang rote Zahlen zu schreiben, um Marktanteile zu sichern. Ein mittelständischer Shop kann das nicht.
Zalando geht einen anderen Weg, der für den deutschen Markt aufschlussreicher ist. Der Modekonzern testet Same-Day-Lieferungen in Berlin und weiteren Metropolen über ein eigenes Netzwerk aus lokalen Hub-Lagern und Kurier-Partnern. Gleichzeitig treibt das Unternehmen sein gebührenpflichtiges Plus-Abo voran, bei dem Kunden für schnellere Lieferungen und andere Vorteile zahlen. Zalando kapitalisiert hier die Tatsache, dass Mode-Retouren ohnehin komplex sind – der Kunde, der am selben Tag erhält, retourniert seltener impulsiv. Zumindest lautet die interne Hypothese.
Beide Spieler setzen auf Dichte. Sie liefern nicht ganz Deutschland, sondern konzentrieren sich auf Ballungsräume mit kurzen Fahrstrecken. Genau hier liegt die Lektion: Same-Day Delivery funktioniert ökonomisch nur als Stadtphänomen.
Lässt sich Same-Day Delivery profitabel organisieren?
Ja, aber nur unter drei Bedingungen: hohe Sendungsdichte im Zustellgebiet, begrenzte Stadtviertel statt flächendeckende Abdeckung, sowie die Bereitschaft des Kunden, für echte Geschwindigkeit zu zahlen oder Mindestbestellwerte zu akzeptieren. Wer diese Regeln ignoriert, verbrennt Cash.
Mikro-Fulfillment-Center in Innenstädten sind dafür das vielversprechendste Modell. Rewe und Tegut nutzen ihre bestehenden Supermarkt-Standorte als lokale Depots für Express-Lieferungen. MediaMarkt testet ähnliche Ansätze, bei denen das Filial-Sortiment in Echtzeit online verfügbar wird. Der Vorteil: Die Ware liegt bereits dort, wo die Nachfrage entsteht. Transportwege schrumpfen auf wenige Kilometer.
Eine Alternative für reine Online-Händler sind Spezialisten wie Liefergrün oder regionale Kurier-Netzwerke. Diese Drittanbieter bündeln Sendungen mehrerer Shops auf einer Tour und senken so die Kosten pro Stopp. Der Händler gibt die Kontrolle über das Kundenerlebnis ab, gewinnt aber Skaleneffekte, die er allein nie erreichen würde. [ECOMMERCE MINDED: Last-Mile-Logistik]
Technologie hilft nur bedingt. Algorithmische Tourenplanung und dynamische Stau-Meidung können zehn bis fünfzehn Prozent Sprit und Zeit sparen. Sie ändern aber nichts an der grundlegenden Ökonomie: Ein Fahrer, der vier Stopps in einer Stunde schafft, kostet weiterhin denselben Stundensatz wie einer, der zehn Stopps bei Standard-Zustellung abarbeitet. Die Physik der letzten Meile ist hartnäckig.
50 Prozent günstiger wird die Zustellung, wenn ein Fahrzeug 15 Pakete statt drei in einer Tour ausliefert. Das klingt banal, entscheidet aber über Gewinn und Verlust bei Same-Day-Angeboten.
Wohin steuert der Wettlauf um die schnellste Lieferung?
Der Markt spaltet sich. Auf der einen Seite skalieren Amazon und gelegentlich Zalando ihre Stadt-Hubs und verdichten das Netz. Auf der anderen Seite ziehen sich die Quick-Commerce-Pioniere zurück oder müssen sich neu erfinden. Für den Mittelstand bleibt nur der schmale Pfad: Same-Day auf ausgewählte Artikel und Regionen begrenzen, Lieferkosten transparent als Express-Option ausweisen oder durch [ECOMMERCE MINDED: E-Commerce-Abonnementmodelle] auf das Konto der Kunden umlegen.
Flächendeckend wird Same-Day Delivery kein Standard, sondern ein Metropolen-Privileg und ein Premium-Feature für hochmargige Sortimente. Der ländliche Raum bleibt außen vor. Städte wie München und Berlin diskutieren zudem verstärkt Lieferverkehre als Verdrängungsfaktor im öffentlichen Raum. Flotten von Sprintern, die zweimal täglich die Innenstadt fluten, passen nicht in nachverlagerte Mobilitätskonzepte. Wer hier Same-Day betreibt, muss bald nicht nur ökonomisch, sondern auch regulatorisch argumentieren können.
Wer Same-Day flächendeckend umsonst anbietet, kauft sich kurzfristige Kundenbindung auf Kosten der langfristigen Existenz. Amazon kann das verschmerzen. Der Rest der Branche nicht.
