Target hat für Juli elf neue Stores angekündigt. Sie kommen nach Kalifornien, Arizona und weitere US-Bundesstaaten. Und sie werden größer als das übliche Target-Format. Wer das als Rückkehr zum klassischen Flächenwachstum interpretiert, versteht die Strategie falsch.
Der US-Einzelhändler setzt nicht auf mehr Regalmeter um jeden Preis. Er setzt auf Lagerfläche, Fulfillment-Kapazität und Showroom-Effekte unter einem Dach. Die neuen Stores sollen nicht nur verkaufen, sondern auch online bestellte Ware aushändigen, retournieren und umlagern. Für den deutschen Markt ist das kein fernes Schauspiel. Es ist ein Stresstest für jeden Händler, der glaubt, E-Commerce und stationärer Handel ließen sich sauber trennen.
Warum setzt Target jetzt auf größere Stores?
Die Antwort liegt nicht im Wachstum um jeden Preis, sondern in der Logik der letzten Meile. Je näher das Lager am Kunden ist, desto günstiger wird die Zustellung. Target nutzt seine Stores längst als regionale Verteilzentren. Fast zwei Drittel aller Online-Bestellungen werden aus einem Store heraus erfüllt. Die neuen, größeren Standorte geben diesem Modell mehr Raum – buchstäblich.
Die zusätzliche Quadratmeterzahl fließt weniger in zusätzliche Modeabteilungen oder Küchenausstattung. Sie fließt in Back-of-House-Flächen, Packstationen, Kühllager für Lebensmittel und Übergabepunkte für Same-Day-Delivery. Target baut keine schöneren Läden. Target baut effizientere Läden.
Das unterscheidet die Kette von vielen deutschen Warenhäusern, die ihre Fläche noch immer primär nach Umsatz pro Quadratmeter bewerten. Bei Target zählt zunehmend die Kosten pro Lieferung. Wer das ignoriert, riskiert, dass der Online-Vertrieb die Margen auffrisst, während der stationäre Bereich leer steht.
Was bedeutet das für den deutschen Einzelhandel?
Die deutsche Landschaft sieht anders aus. Hier dominiert der Mittelstand, die Innenstadt ist hochverdichtet, und viele Filialen sind vermietet, nicht selbst entwickelt. Trotzdem trifft Target’s Entscheidung den Nerv der Stunde. Denn der Druck auf deutsche Händler wächst aus zwei Richtungen: von Amazon mit immer schnellerer Lieferung und von Konsumenten, die Click-and-Collect inzwischen als Selbstverständlichkeit betrachten.
Rewe, dm und Zara arbeiten bereits mit Store-Fulfillment. Aber viele kleinere Händler haben diese Integration noch nicht vollzogen. Ihre Filiale ist entweder Laden oder Lager, selten beides. Genau hier liegt die Lücke. Target zeigt, dass die physische Präsenz dann wettbewerbsfähig bleibt, wenn sie die Online-Logistik beschleunigt statt sie zu blockieren.
54 Prozent der deutschen Online-Käufer erwarten eine kostenlose Rücksendung. Ein großer Teil dieser Retouren landet heute noch beim Zentralager, obwohl die Filiale um die Ecke oft näher am Kunden wäre. Stores, die als Retouren-Hub fungieren, verkürzen Wege und senken Logistikkosten. Das ist kein Luxus, sondern Rechnungsposten.
Die Strategie hinter den neuen Stores
Target verfolgt mit den Juli-Eröffnungen ein klares Muster. Die Standorte liegen in wachsenden Vorstadtregionen und Stadtrandgebieten, dort wo junge Familien hinziehen und das Auto noch Alltag ist. Gleichzeitig werden die größeren Flächen so geplant, dass sie genug Lagerkapazität für Drive-Up-Bestellungen, Abholung und lokale Zustellung bieten. Das ist keine Zufallskette, sondern gezielte Standortstrategie.
Die Kette investiert damit in eine hybride Infrastruktur. Der Kunde merkt davon wenig, außer dass seine Bestellung schneller da ist. Das ist der entscheidende Unterschied zu reinen Flagship-Stores oder Erlebniswelten. Bei Target geht es nicht um das Shopping-Erlebnis als Selbstzweck, sondern um Geschwindigkeit und Verfügbarkeit.
„Der Store der Zukunft ist kein Schaufenster – er ist ein kleines Verteilzentrum mit Kassen.“
Diese Entwicklung hat direkte Konsequenzen für das Personal. Die Mitarbeiter müssen nicht mehr nur beraten und kassieren, sondern kommissionieren, verpacken und Retouren bearbeiten. Ausbildung und Prozesse müssen das hergeben. Wer in Deutschland weiterhin Verkauf und Versand in getrennten Welten betreibt, wird an dieser Stelle ineffizient bleiben.
Wo Target recht hat – und wo die Strategie bröckelt
Der klare Vorteil des Target-Modells ist die Kontrolle über die Kosten der letzten Meile. Jede Bestellung, die aus einem Store statt aus einem entfernten Zentrallager kommt, spart Transportwege. Gleichzeitig bindet die Präsenz vor Ort Kunden, die bei Amazon oder Temu keine Berührungspunkte haben. Das ist eine echte Differenzierung.
Aber die Rechnung hat zwei Schwachstellen. Erstens: Größere Stores bedeuten höhere Mieten, mehr Personal und höhere Betriebskosten. Wenn die Online-Durchsatzzahlen nicht stimmen, frisst die zusätzliche Fläche die eingesparten Logistikkosten wieder auf. Zweitens: Nicht jede Region eignet sich für Store-Fulfillment. In dünn besiedelten Gebieten oder in historischen deutschen Innenstädten mit beengten Laderampen scheitert das Modell an der Realität.
Die deutsche Lektion ist daher nicht: „Baut größer.“ Die Lektion lautet: „Baut vernetzter.“ Nicht jeder Händler braucht mehr Quadratmeter. Aber jeder Händler muss entscheiden, welche Rolle seine physischen Standorte im gesamten Versandnetz spielen sollen. Das kann eine Mini-Filiale mit Paketstation sein, ein regionales Lager mit Showroom oder ein reiner Abholpunkt.
Wie Händler im DACH-Raum reagieren sollten
Der Fehler wäre, Target’s Expansion als US-spezifisches Phänomen abzutun. Die dahinterliegende Dynamik – steigende Online-Anteile, steigende Liefererwartungen, steigende Logistikkosten – trifft den deutschen Markt genauso. Wer jetzt nicht prüft, ob seine Filialen auch als lokale Versandknoten dienen können, verschenkt Potenzial.
Konkret bedeutet das drei Fragen für jeden Händler: Erstens, wie viel Lagerfläche lässt sich in bestehenden Stores freiräumen, ohne den Verkauf zu beeinträchtigen? Zweitens, welche Produkte eignen sich für lokales Fulfillment? Drittens, welches Warenwirtschaftssystem kann Online- und Offline-Bestände in Echtzeit abbilden?
- Physische Präsenz muss heute mehr leisten als nur Verkauf.
- Die Filiale ist dann wertvoll, wenn sie die digitale Logistik beschleunigt.
Target beantwortet diese Fragen mit elf neuen Stores im Juli. Nicht weil es wieder mehr Läden braucht, sondern weil es mehr Knotenpunkte braucht. Das ist der Unterschied zwischen nostalgischem Flächenwachstum und strategischer Infrastruktur.
Deutsche Händler sollten aufpassen. Nicht weil Target bald nach Deutschland kommt. Sondern weil die Kunden, die Target heute bedient, morgen auch bei deutschen Shops diese Geschwindigkeit erwarten. Wer das nur mit teurerem Expressversuch aus dem Zentrallager beantwortet, wird an den Kosten scheitern. Wer seine Stores mitdenkt, gewinnt die letzte Meile zurück.
