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ThredUp startet Peer-to-Peer-Verkäufe – Herausforderung für eBay und Poshmark

ThredUp startet Peer-to-Peer-Verkäufe – Herausforderung für eBay und Poshmark

Bisher war ThredUp das genaue Gegenteil von eBay. Verkäufer bestellten ein Clean-Out-Kit, stopften hinein, was sie nicht mehr trugen, und schickten das Paket nach San Francisco. Das Unternehmen übernahm Fotografie, Qualitätskontrolle, Preisgestaltung und Versand. Mit Direct Listings dreht das US-Unternehmen dieses Prinzip nun radikal um: Künftig können Nutzer Artikel selbst fotografieren, beschreiben und direkt an Käufer versenden.

Das neue Peer-to-Peer-Modell markiert einen Strategiewandel, der weit über eine Produktneuerung hinausgeht. ThredUp, seit dem Börsengang 2021 unter permanentem Rentabilitätsdruck, erweitert sein Geschäft um einen offenen Marktplatz. Die Plattform fungiert künftig als technische Infrastruktur und bietet Zahlungsabwicklung sowie Käuferschutz. Die physische Logistik bleibt bei den Privatverkäufern. Gebühren fallen beim Verkauf an, nicht aber für Lagerung oder Bearbeitung.

Wie unterscheidet sich Direct Listings vom klassischen Konsignationsmodell?

Beim etablierten ThredUp-Prozess liefen alle Artikel durch eines der zentralen Distributionszentren. Dort entschieden Mitarbeiter und Algorithmen über Zustand, Markenwert und Preis. Verkäufer hatten keinen Einfluss auf die Darstellung ihrer Ware und erhielten erst Geld, wenn ein Stück tatsächlich verkauft war. Direct Listings eliminiert diesen Engpass. Verkäufer behalten die Kontrolle über Beschreibung und Preisfindung, besonders bei Vintage-Stücken oder Designerware, deren Wert sie nicht einer internen Schätzung überlassen wollen.

ThredUp reduziert damit sein gebundenes Kapital massiv. Keine Lagerkosten für P2P-Artikel, kein Handling-Aufwand, keine Fotostudios für jedes einzelne Hemd. Die Marge pro Transaktion sinkt zwar, weil das Unternehmen den Differenzbetrag zwischen Einkauf und Verkauf nicht mehr einstreicht. Dafür skaliert das Modell ohne zusätzliche Mitarbeiter im Fulfillment.

Kernsatz: ThredUp tauscht Kapitalintensität gegen Transaktionsvolumen – und stellt damit die eigene warehousing-basierte DNA infrage.

Warum greift ThredUp jetzt nach dem Peer-to-Peer-Markt?

Die Antwort heißt Wettbewerbsdruck. Poshmark, 2022 von Naver für 1,2 Milliarden Dollar übernommen, dominiert den sozialen Handel mit Mode in den USA. Depop, zur Etsy-Gruppe gehörig, zieht die Generation Z mit Vintage-Listings an. Vinted wiederum hat in Europa bewiesen, dass ein gebührenfreies oder niedriggebühren-P2P-Modell Millionen Nutzer bindet. ThredUp besaß bislang keine überzeugende Antwort auf diese Dynamik. Wer eine besondere Jacke für einen bestimmten Preis verkaufen wollte, wandte sich automatisch an die offenen Plattformen.

Mit Direct Listings schließt ThredUp diese Absprungrate. Das Unternehmen hofft, dass seine bestehende Käuferbasis – gewohnt an vertrauenswürdige Markenware – nun auch als aktives Verkäufersegment gewonnen werden kann. Ob das gelingt, ist ungewiss. Denn Peer-to-Commerce lebt von Netzwerkeffekten und sozialer Interaktion, nicht nur von sauberen Produktseiten.

Was bedeutet der Schritt für den deutschen Secondhand-Markt?

Für E-Commerce-Verantwortliche im DACH-Raum liefert ThredUp ein Lehrstück über hybride Marktplatzarchitekturen. Während Zalando oder About You im Pre-owned-Segment primär auf professionelle Händler und eigene Logikstrukturen setzen, zeigt der US-Anbieter, dass auch verwaltete Marketplaces den Sprung in den offenen Privatverkauf wagen. Der deutsche Markt ist allerdings bereits intensiv besetzt: Vinted beherrscht das P2P-Segment bei Standardmode, Momox Fashion und Rebelle bedienen das Premium-Konsignationsfeld.

Ein Hybridmodell à la ThredUp könnte hier Erfolg haben, wenn es echte Vorteile bei Sichtbarkeit und Preisflexibilität bietet. Die technische Infrastruktur allein reicht nicht. Entscheidend ist die Loyalität der Community. ThredUp kauft sich mit Direct Listings kein soziales Netzwerk, sondern lediglich eine zusätzliche Funktion.

Der Secondhand-Markt teilt sich zunehmend in zwei Lager: jene, die die Logistik besitzen, und jene, die die Nutzerbeziehung kontrollieren. ThredUp versucht nun beides – und riskiert dabei, in der Mitte stehen zu bleiben. Ob das Modell auf den deutschen Markt überschwappt, hängt davon ab, ob hierzulande genügend Verkäufer bereit sind, wieder selbst zu packen und zu fotografieren.