Rund fünf Millionen Menschen in der Schweiz bezahlen mit Twint. Jetzt soll die App der Schweizer Banken nicht mehr nur beim Zahlen, sondern schon vor dem Einkauf geöffnet werden: Twint packt einen Einkaufszettel in seine Bezahl-App, wie ITMagazine.ch berichtet. Nutzer können beliebig viele Listen anlegen, sie per Code teilen und gemeinsam bearbeiten – Änderungen sehen alle Beteiligten in Echtzeit.
Technisch ist das mehr als eine Notizfunktion. Eine integrierte Suche enthält bereits rund 1.500 Artikel, eigene Einträge lassen sich manuell ergänzen. Teilnehmer einer Liste fügen Produkte hinzu oder haken Gekauftes ab. Wer mit Partner, Familie oder WG einkauft, synchronisiert so den Einkauf in derselben App, mit der an der Kasse später bezahlt wird.
Warum ist der Twint-Einkaufszettel für Online-Händler relevant?
Die kurze Antwort: Weil Twint damit die Kette von Kaufabsicht bis Bezahlung schließt. Einkaufslisten sind die früheste dokumentierte Form von Kaufabsicht – früher als jede Produktsuche, jeder Warenkorb, jedes Retargeting-Signal. Wer auf der Liste steht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gekauft.
Für Händler ergibt sich daraus eine strategische Frage: Wie kommt ein Produkt auf diese Liste? Noch ist die Produktsuche mit 1.500 Artikeln schmal und wirkt wie eine generische Grundausstattung. Aber die Richtung ist erkennbar. Bezahl-Apps, die Einkaufsplanung und Transaktion verbinden, sammeln Daten über den gesamten Einkaufsprozess – und bauen sich damit eine Position zwischen Händler und Kunde, die bisher Suchmaschinen und Marktplätzen vorbehalten war.
Twint verarbeitete 2023 über 590 Millionen Transaktionen. Kein anderes Schweizer Bezahlsystem kommt an diese Reichweite heran.
Was deutsche Shops mit Schweiz-Geschäft jetzt prüfen sollten
Für deutsche Online-Händler ist Twint ohnehin längst Pflichtprogramm, sobald sie in die Schweiz liefern. Ohne Twint als Zahlungsart verlieren Schweizer Kunden-Checkouts spürbar an Conversion – Studien des Schweizer E-Commerce-Verbandes weisen Twint seit Jahren als meistgenutzte mobile Zahlungsmethode des Landes aus. Die neue Listen-Funktion ändert daran kurzfristig nichts, wohl aber an der strategischen Einordnung.
Konkret bedeutet das für den Shop-Alltag drei Prüfpunkte. Erstens: Twint als Zahlungsart im Checkout aktiv halten und die Abbruchquoten Schweizer Kunden beobachten – wer sie noch nicht anbietet, etwa via Stripe, Adyen oder die Twint-Integration der eigenen PSP, verschenkt Umsatz. Zweitens: Produktfeed-Qualität pflegen. Sobald Bezahl-Apps Produktdaten einspielen, gewinnen saubere Titel, GTINs und Kategorien an Bedeutung. Drittens: die Schweizer Marktentwicklung beobachten, denn dort testet Twint Funktionen, die PayPal, Klarna und andere Wallet-Anbieter im deutschsprachigen Raum kopieren dürften.
Die App-Landschaft reagiert bereits
Die Idee, Liste und Bezahlung zu verbinden, ist nicht neu. Bring! gilt in der Schweiz als Platzhirsch unter den Einkaufslisten-Apps und kooperiert seit Längerem mit Händlern und Markenherstellern, die Produkte prominent in die Vorschläge einspielen. Klarna wiederum hat seine App längst von der reinen Bezahlfunktion zum Shopping-Portal mit Preisverfolgung und Deal-Feed ausgebaut. Twint geht nun denselben Weg – mit dem Unterschied, dass die App bereits beim Bezahlen etabliert ist und den Schritt zur Planung deutlich kürzer macht als umgekehrt.
Ob aus dem Feature ein vertriebsrelevanter Kanal wird, hängt davon ab, ob Twint die Produktdatenbank ausbaut und Händlern Schnittstellen öffnet. Wer in die Schweiz verkauft, sollte die Entwicklung jedenfalls auf dem Radar behalten – und spätestens dann handeln, wenn Twint erste Händler-Integrationen für die Listen ankündigt. Die Rechnung der Schweizer Banken ist einfach: Je früher der Kunde die App öffnet, desto mehr Daten und Transaktionen bleiben im eigenen System.
