Analyse Logistik

Last-Mile-Logistik: 53 Prozent Versandkosten für unter ein Prozent Strecke

Last-Mile-Logistik: 53 Prozent Versandkosten für unter ein Prozent Strecke

Warum verschlingt die letzte Meile 53 Prozent der Versandkosten?

53 Prozent der Lieferkosten entfallen auf den letzten Kilometer. Dieser Anteil macht oft weniger als ein Prozent der Gesamtdistanz aus. Das Verhältnis von Aufwand und Strecke ist grotesk. Für Online-Händler ist es zum Existenzproblem geworden.

In deutschen Innenstädten verbringen Zusteller bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit der Suche nach Parkplätzen oder im Treppenhaus. Jede nicht zustellbare Sendung kostet im Schnitt 15 bis 20 Euro, weil der Empfänger nicht zu Hause ist. Hinzu kommen Rücksendungen, die den umgekehrten Weg zurücklegen müssen. Wer im Wettbewerb mit Amazon Prime kostenlosen Versand anbietet, ohne diese Kostenstruktur zu durchdringen, verschenkt bei jeder Bestellung systematisch Geld.

DHL, DPD, GLS und Hermes unterbieten sich mit Standardpreisen zwischen 3,50 und 5,50 Euro. Diese Pauschale deckt die tatsächlichen Kosten der Endzustellung längst nicht mehr. Die Differenzen gleichen die Anbieter über Mengenrabatte, Großkundenverträge und Quersubventionen aus. Bei stagnierenden Paketmengen und steigendem Lohnniveau gerät dieses Modell ins Wanken. Die Pauschalpreise der Paketdienstleister verzerren die Wahrnehmung der echten Last-Mile-Kosten im E-Commerce massiv.

Wie DHL und Amazon den Paketstrom umlenken

DHL betreibt in Deutschland über 10.000 Packstationen. Amazon hat sein Locker-Netzwerk auf mehr als 1.200 Standorte in DACH ausgedehnt und bindet zusätzlich über 2.000 Counter-Partner im Einzelhandel ein. Dahinter steht eine klare Rechnung: Bringt der Kunde den Fußweg zum Paketschrank, spart der Dienstleister den teuersten Teil der Zustellung, den Weg zur Haustür.

Die Annahmebereitschaft der deutschen Verbraucher übertrifft den vieler anderer europäischer Märkte. Rund 35 Prozent der Online-Bestellungen werden inzwischen nicht mehr direkt an die Wohnanschrift, sondern an alternative Abholpunkte adressiert. Der Trend beschleunigt sich, seit Händler wie Zalando oder About You die Packstation explizit als Standard-Option im Checkout bewerben.

Dennoch bleibt die Haustürzustellung der erwartete Standard. Wer seine Kunden nicht aktiv vom Adressversand wegbewegt, zahlt für eine Serviceerwartung, die wirtschaftlich nicht mehr tragfähig ist. Die Logik ist simpel. Je mehr Pakete an einer zentralen Stelle abgegeben werden können, desto höher ist die Stückzahl pro Stunde, die ein Fahrzeug abladen kann. Ein Zusteller an einer Packstation entlädt in zehn Minuten dreißig Sendungen. Für dreißig separate Haustüren benötigt er drei Stunden.

Lohnen sich Mikro-Depots für mittelständische Händler?

Mikro-Depots haben im Lebensmittellieferdienst durch Anbieter wie Flink Fahrt aufgenommen. Für den klassischen Paketversand stehen sie noch am Anfang. DPD testet kleine Umschlagpunkte in Paris und Berlin. Hermes experimentiert mit Nachbarschaftsdepots in Hamburg. Die Idee lautet: Großraumtransporter bringen die Sendungen ins Quartier, E-Cargobikes oder Zusteller zu Fuß übernehmen den Rest.

Für mittelständische Online-Händler ist das Modell jedoch kaum direkt umsetzbar. Die Mietkosten für Innenstadtflächen fressen die Ersparnis der kürzeren Touren. Ohne eine Sendungsdichte von mehreren tausend Paketen pro Woche und Standort funktioniert die Rechnung nicht. Stattdessen wird das Prinzip indirekt nutzbar. Wer sein Fulfillment nicht zentral in Thüringen oder Sachsen lagert, sondern über regionale Verteilzentren in Rhein-Main oder München streut, verkürzt die letzte Meile für den Paketdienstleister, und spart über verhandelbare Konditionen.

Möbelhändler wie Home24 zeigen, wie Kontrolle über die Endzustellung finanziell wirkt. Durch den Aufbau regionaler Auslieferungslager konnte der Anteil der Lieferungen am selben Tag im Berliner Raum auf über 20 Prozent der Bestellungen angehoben werden. Mittelständische Händler müssen jetzt entscheiden: Sie regionalisieren ihr Fulfillment strategisch, oder sie verlieren im Kampf um die Marge gegen Amazon und Zalando den Anschluss.