Ein Lager-Netzwerk, das größer ist als das mancher Staaten: Amazon betreibt weltweit über 800 Logistikstandorte. Bisher blieb diese Infrastruktur weitgehend den eigenen Marketplace-Händlern und Prime-Lieferketten vorbehalten. Mit den neuen Amazon Supply Chain Services ändert sich das, der Konzern öffnet seine Fulfillment- und Transportkapazitäten nun für externe Unternehmen jeder Größe. Der Schritt wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen. Heute passt er in eine Strategie, die Amazon Web Services (AWS) bereits erfolgreich vorgelebt hat: Interne Skaleneffekte in ein externes Dienstleistungsgeschäft verwandeln.
Warum öffnet Amazon sein Netzwerk für die Konkurrenz?
Diese Frage stellen sich vor allem deutsche Versandhändler, die bisher auf DHL, DPD oder eigene Lager setzten. Der Schritt folgt einer nüchternen Rechnung: Amazon hat Milliarden in Sortierzentren, Frachtflugzeuge und regionale Verteilungshubs investiert. Kapazitäten, die tagsüber im Sommer oder nach dem Weihnachtsgeschäft brachliegen, lassen sich jetzt monetarisieren. Gleichzeitig diversifiziert der Konzern seine Einnahmequellen jenseits des klassischen Handelsmargen-Geschäfts, das zuletzt unter hohen Betriebskosten litt. Das Modell erinnert strukturell an AWS, nur eben für Paletten statt Servern.
Für E-Commerce-Manager bedeutet das eine zusätzliche Option im Fulfillment-Mix. Vor allem mittelständische Händler mit 1 bis 50 Millionen Euro Umsatz kämpfen mit Lagerengpässen und steigenden Personalkosten in den Verteilzentren. Wenn Amazon tatsächlich sein gesamtes Spektrum, vom Wareneingang über die Lagerhaltung bis zur letzten Meile, anbietet, könnte das bestehende Verhältnisse verschieben. Allerdings bleibt abzuwarten, ob der Service in Deutschland flächendeckend verfügbar sein wird oder zunächst auf Ballungsräume wie Berlin, Hamburg und das Rheinland beschränkt bleibt.
Was unterscheidet Supply Chain Services vom klassischen FBA?
Fulfillment by Amazon (FBA) kannten bisher vor allem Marketplace-Verkäufer. Wer auf Amazon listete, konnte Lagerung und Versand an den Konzern auslagern. Die neuen Supply Chain Services zielen offenbar darüber hinaus. Unternehmen sollen die Infrastruktur nutzen können, unabhängig davon, ob sie auf Amazon verkaufen oder über eigene Onlineshops wie Shopify, Shopware oder Magento abrechnen. Diese Plattform-Unabhängigkeit ist neu und markiert eine Ausweitung der Logistikstrategie. Sie rückt Amazon in direkte Konkurrenz zu Anbietern wie ShipBob, Byrd oder Fiege, zumindest im B2C-Fulfillment.
Allerdings bleiben die Konditionen und die technische Anbindung offene Fragen. Wie tief greift Amazon in die Order-Daten ein? Welche SLAs gelten für Same-Day-Delivery außerhalb der Metropolregionen? Und wie positionieren sich Deutsche Post und DHL Supply Chain gegen einen Riesen, der die Kundenbeziehung kontrolliert? Händler müssen prüfen, ob sie bereit sind, die letzte Meile mit Amazon-Logos zu versehen, ein Branding-Aspekt, den viele Markenunternehmen kritisch sehen.
Wie sollten Händler jetzt reagieren?
Abwarten ist der falsche Modus. Betreiber, die ihre Logistik für die nächsten zwei Jahre planen, müssen Amazon Supply Chain Services in ihre Ausschreibungen einbeziehen. Nicht, weil der Anbieter automatisch die beste Wahl ist, sondern weil seine Markteintritte traditionell zu Preisdruck und verbesserten Verhandlungspositionen bei etablierten Dienstleistern führen. Wer DHL oder Rhenus heute ausschreibt, sollte Amazon als vierten Bieter am Tisch haben, wenn nur, um Benchmarks zu schärfen.
Ein pragmatischer erster Schritt: Prüfen Sie, wo Ihre bestehenden Fulfillment-Kosten pro Paket und pro Kubikmeter Lagerfläche liegen. Erst mit diesen Kennzahlen lässt sich einschätzen, ob das Angebot wirtschaftlich wird. Vorsicht ist geboten bei der Datenhoheit. Wer seine gesamte Supply Chain an Amazon übergibt, gibt auch Einblick in Absatzmuster, Saisonalitäten und Margen, Informationen, die der Konzern für seine eigene Retail-Strategie nutzen kann. Das Dilemma kennen bereits AWS-Kunden, die ihre Cloud-Architektur bei Amazon hosten, während sie im Geschäftsalltag mit dem Konzern konkurrieren.
Die nächsten zwölf Monate werden zeigen, ob Amazon Supply Chain Services in Deutschland wirklich flächendeckend gegen DHL Co-Paket und DPD Fulfillment bestehen kann. Bis dahin gilt: Option sichern, Abhängigkeit vermeiden.
