15,8 Milliarden Pakete will Amazon ab 2029 pro Jahr über das eigene Liefernetz ausspielen. Das geht aus einem internen Planungsdokument hervor, über das Business Insider berichtet. Der Anteil selbst zugestellter Sendungen klettert demnach von 86,3 Prozent in diesem Jahr auf 88,7 Prozent, schneller, als es frühere Konzernpläne vorsahen. Damit kontrolliert Amazon in den USA bald fast die komplette letzte Meile seines Paketgeschäfts.
Was bedeutet Amazons Liefernetz-Ausbau für die US-Logistik?
Die Antwort fällt eindeutig aus: Die großen Paketdienste verlieren ein Geschäft, an dem sie jahrelang verdient haben. Das Fremdvolumen stagniert bei rund zwei Milliarden Paketen, während der Anteil der US-Post USPS weiter fällt. Für UPS und FedEx ist Amazon damit weniger Kunde als Konkurrent, und zwar einer, der die Infrastruktur in Rekordtempo hochgezogen hat. Mehr als 1.100 Delivery Stations, zehntausende Fahrzeuge und ein eigenes Frachtflugnetz machen den Konzern längst zum dritten großen Paketdienst Amerikas, nur formal ohne diese Bezeichnung.
Druck auf die Lieferversprechen steigt weiter
Warum die Nachricht auch deutsche Online-Händler etwas angeht: Amazon überträgt die US-Strukturen auf seine europäischen Kernmärkte. In Deutschland liegt der Selbstzustellungsanteil über Amazon Logistics bereits deutlich über dem Niveau, das DHL oder Hermes mit dem Konzern gemeinsam abwickeln. Jeder Prozentpunkt mehr Eigenzustellung in den USA ist ein Indikator dafür, wohin die Reise hierzulande geht, Same-Day-Depots in Metropolregionen, dichtes Netz an Abholstationen, immer kürzere Lieferfenster.
Für Shop-Betreiber jenseits des Marktplatzes heißt das: Die Latte für akzeptable Lieferzeiten hängt höher, als die eigene Wirtschaftlichkeit erlaubt. Zwei bis drei Werktage gelten vielerorts nur noch als Baseline, nicht als Pluspunkt. Marktplatzhändler wiederum spüren den Effekt direkter, FBA und das seit 2024 ausgeweitete „Amazon Shipping“-Angebot für Nicht-Amazon-Bestellungen machen den Konzern auch für Off-Amazon-Logistik attraktiv.
Was können Händler konkret tun?
Drei Hebel bleiben realistisch. Erstens: Versanddienstleister strategisch streuen statt sich auf einen Carrier festzulegen, Multi-Carrier-Setups über Versandsoftware wie Sendcloud oder ShipStation senken Abhängigkeiten und verbessern die Tracking-Kommunikation. Zweitens: Die eigene Lieferperformance transparent machen. Wer sauberes Echtzeit-Tracking mit proaktiven Status-Mails bietet, kompensiert fehlende Liefergeschwindigkeit teilweise durch Verlässlichkeit. Drittens: Regionale Stärke ausspielen. Click & Collect, lokale Depots und Same-Day in der eigenen Kernregion sind Felder, auf denen Mittelständler schneller agieren können als ein globaler Algorithmus.
Amazon baut kein Logistiknetz mehr neben dem Geschäft, das Logistiknetz ist das Geschäft.
Die nächsten Quartale werden zeigen, ob die USPS den erwarteten Volumenverlust über neue Preisstrukturen kompensiert und ob UPS sein ab 2026 reduziertes Amazon-Geschäft überhaupt ersetzen kann. Für Shop-Betreiber lohnt jetzt der Blick in die eigenen Versanddaten: Lieferzeit, First-Attempt-Quote, Tracking-Qualität. Diese drei Kennzahlen entscheiden künftig mit darüber, wer im Wettbewerb mit einem Konzern besteht, der neun von zehn Paketen selbst vor die Haustür bringt.
