Das Kölner EHI hat neun Szenarien für den Handel im Jahr 2036 vorgelegt. Zwei davon betreffen jeden Shopbetreiber mit stationärem Netz direkt: In Szenario eins werden Filialen zu Abhol- und Retourenstellen, im Extremfall zu Fulfillment-Knoten im eigenen O2O-Netz. In Szenario zwei wandert die Kaufentscheidung vollständig in digitale Erlebniswelten, während die Logistik die Ware „unsichtbar“ im Hintergrund nachschiebt. Klingt nach Zukunftsmusik. Es ist eine technische Hausaufgabe, die im Backend schon heute anfängt.
Was heißt das konkret für Shop- und Filialarchitektur?
Wer seine Filiale als Fulfillment-Standort nutzen will, braucht drei Dinge, die die meisten Mid-Market-Händler nicht haben: einen gemeinsamen Bestandspool über alle Kanäle, eine verlässliche Verfügbarkeitsanzeige im Checkout und eine Versandabwicklung pro Filiale, nicht pro Zentrallager. Bei Shopware 6.5 setzt das ein sauber konfiguriertes Multi-Location-Bestandsmanagement voraus; bei Shopify hilft das „Local Pickup“- und „Local Delivery“-Feature-Set, stößt aber bei mehr als zehn Standorten ohne Apps wie Zapiet oder Bird schnell an Grenzen. Adobe Commerce löst das über Inventory Management (MSI) mit Sources und Stocks – sauber dokumentiert, aber in der Praxis oft ungenutzt.
Die eigentliche Knackstelle ist die Bestandsreaktion. Szenario zwei unterstellt, dass Ware automatisiert nachgeschoben wird. Das bedeutet: Der Shop darf nicht in Batch-Jobs von 15 Minuten Taktung denken, sondern in Near-Realtime. Wer heute noch stündliche ERP-Exporte fährt, wird das 2036 nicht schaffen.
Warum trifft das gerade den deutschen Mittelstand?
Weil hier die Filialdichte hoch und die Systemtrennung tief ist. In vielen Häusern läuft das Warenwirtschaftssystem (oft noch SAP Business One, JTL-Wawi oder Microsoft Dynamics) getrennt vom Shopsystem, das POS-System ist eine dritte Insel. Eine Studie des EHI aus dem Vorjahr zeigte: nur rund ein Drittel der befragten Händler verfügt über eine einheitliche Bestandsbasis über Kanäle hinweg. Genau diese Basis ist aber Voraussetzung für jedes der neun Szenarien, egal ob Abholung, Retoure oder Fulfillment.
Hinzu kommt der Druck von unten. Reine Online-Händler bauen bereits eigene Rückgabe- und Aufbereitungszentren, Amazon nutzt Kunden als Zwischenlager. Der stationäre Handel hat dagegen einen strukturellen Vorteil, den er aktuell nur selten in Euro umrechnet: tausende Quadratmeter Lagerfläche in Innenstadtlagen, die heute primär Schaufenster sind.
Was sollten Shopbetreiber in den nächsten 12 Monaten prüfen?
Drei Hebel, in dieser Reihenfolge: Erstens ein einheitlicher Bestands-Hub, in dem POS, Shop und Marktplätze auf dieselbe SKU-Ebene schreiben. Zweitens ein Checkout, der Filialverfügbarkeit als Option ausweisen kann – nicht als Marketing-Feature, sondern als Versprechen mit Verfügbarkeitsdatum. Drittens ein Retourenprozess, der die Filiale als Annahmestelle akzeptiert und die Gutschrift automatisiert auslöst. Wer Stationär mit O2O ernst macht, sollte bei Retouren-Lösungen wie Seven Senders, Trusted Returns oder Returnless zumindest einen PoC fahren.
Das EHI-Szenario 2036 ist keine Prognose, sondern eine Architektur-Checkliste. Händler, die heute eine Filiale nicht als Logistikknoten im Shop abbilden können, werden sie 2036 auch nicht als Fulfillment-Knoten betreiben. Die Frage ist nicht, ob das Szenario eintritt – sondern ob Ihre Systemlandschaft es überhaupt könnte.
