Analyse Logistik

Zwei Systeme, ein Blindflug: Warum Fracht die größte Ineffizienz im E-Commerce bleibt

Der Paketmarkt hat seine Konsolidierung hinter sich. Shopify, ShipStation, Sendcloud, Seven Senders — die Infrastruktur für KEP (Kurier, Express, Paket) ist einigermaßen einheitlich, Schnittstellen sind standardisiert, Tracking-APIs gehören zum Grundrauschen. Wer heute einen Shop aufsetzt, kann innerhalb eines Tages national und international versenden, ohne mit einem einzigen Carrier zu telefonieren.

Die Fracht sieht anders aus. Paletten, Teilladungen, LTL-Sendungen, Sammelgut — das läuft in vielen Händlerhäusern noch immer in einem separaten System. Nicht weil es keine Tools gäbe, sondern weil die Frachtabwicklung historisch anders organisiert war: über Speditionen, Stückgutkooperationen, CargoLine, System Alliance, Palletways. Manuelle E-Mails, Excel-Listen, telefonische AVIS.

Kernsatz: Die durchschnittliche E-Commerce-Logistik zahlt doppelt — einmal für das konsolidierte Paketsystem, einmal für das fragmentierte Frachtsystem.

Was kostet der Parallelbetrieb wirklich?

Die direkten Kosten sind unsichtbar, weil sie verteilt anfallen. Eine Person im Backoffice, die Sammelgutaufträge per Mail an drei Speditionen schickt. Ein WMS, das keine Frachtstatus kennt, also doppelte Erfassung. Ein Kundenservice, der bei „Wo bleibt meine Palette?“ anruft, weil das Tracking fehlt. Die indirekten Kosten sind schwerer zu greifen: Verzögerungen kosten Wiederkäufe, fehlende Daten verhindern Mengenbündelung, Frachtvolumen bleibt zu klein für Direktverhandlungen mit Carriern.

Der Marktforscher Armstrong & Associates schätzte den globalen Luft- und Seefrachtmarkt 2024 auf rund 300 Milliarden US-Dollar — bei einem Digitalisierungsgrad, der nach Erhebungen der International Air Transport Association (IATA) unter dem des KEP-Markts liegt. Das ist kein Zufall. Der Paketmarkt konnte konsolidieren, weil Sendungsvolumen hoch und Volumen pro Sendung niedrig ist. Fracht ist das Gegenteil.

Die Rechnung der holländischen Beratung Districon zeigt ein typisches Bild: Ein Händler mit 40 Sammelgut-Sendungen pro Woche und manueller Frachtabwicklung verliert pro Sendung 18 bis 25 Minuten Verwaltungszeit. Macht zwischen 12 und 17 Stunden pro Woche. Bei einem Vollkostensatz von 38 Euro in Deutschland sind das schnell 25.000 Euro im Jahr — für Arbeit, die bei konsolidiertem Paketversand längst wegautomatisiert ist.

Warum hat sich Fracht nie konsolidiert?

Drei Gründe.

Erstens die technische Fragmentierung. KEP-Carrier wie DHL, DPD, GLS und UPS arbeiten mit einheitlichen Label-Formaten (ZPL, PDF), haben standardisierte Tracking-APIs und eine klare Anbindung an Shopsysteme. Fracht-EDI ist ein Flickenteppich: EDIFACT, ANSI X12, proprietäre XML-Schemata, individuell pro Spedition. Wer mit fünf Frachtpartnern arbeitet, pflegt fünf Datenformate.

Zweitens der Stückgutmarkt selbst. In Deutschland ist der Stückgutmarkt über Kooperationen organisiert — CargoLine, System Alliance, IDS, Palletways. Diese Kooperationen funktionieren, aber sie schaffen keinen einheitlichen digitalen Layer. Jede Kooperation hat eigene Portale, eigene AVIS-Formate, eigene Preislogiken.

Drittens: Es fehlte der Druck. Paketversand ist kundenfacing — Tracking in der Bestellbestätigung, Retourenportal, Conversion-relevant. Fracht ist B2B-Lieferung, oft an Zwischenhändler, Filialen oder Projektkunden. Kein Endkunde schaut auf die Palette, also schaut niemand auf das System.

„Die meisten Händler verlieren Geld in der Fracht, ohne dass es auf einem einzigen Reporting-Dashboard auftaucht.“

Wie funktioniert eine konsolidierte Fracht-Strategie konkret?

Der Ansatz ist nicht „eine Software für alles“. Es ist ein Layer über den bestehenden Systemen. Praktisch bedeutet das drei Bausteine.

Einheitliches Auftrags-Objekt. Jede Sendung — Paket oder Fracht — wandert als konsolidierter Datensatz durch das System. Unterschiedliche Carrier haben unterschiedliche Anforderungen, aber der Händler sieht sie nicht. Seine Auftragsmaske ist die gleiche.

Automatisierte Carrier-Auswahl. Statt manuell zu entscheiden, ob eine Bestellung als Paket oder als Palette versendet wird, definiert der Händler Regeln: ab X Kilogramm oder ab Y Kubikmetern Fracht, sonst KEP. Der Layer wählt, bucht, übergibt.

Gemeinsames Tracking. Fracht-Status und Paket-Status landen im gleichen Endpoint. Der Kundenservice sieht einen Timeline-Eintrag, egal ob es ein 2-Kilo-Paket oder eine 1,2-Tonnen-Palette ist.

  • Konsolidierung wirkt nicht durch Software allein, sondern durch Prozess-Disziplin — Regelwerke müssen definiert, Ausnahmen dokumentiert werden.
  • Der Hebel liegt nicht in der Software-Gebühr, sondern in der Verwaltungszeit, die eingespart wird.
  • Fracht-Volumen wird sichtbar; erst dann lassen sich Direktkonditionen mit Carriern verhandeln.

Wer macht das bereits — und was für Zahlen kommen dabei raus?

In den USA hat sich zuletzt eine Reihe von Anbietern positioniert, die Fracht in E-Commerce-Systeme integriert: ShipEngine mit LTL-Anbindung, Shippo mit erweiterten Fracht-Schnittstellen, EasyPost mit einem einheitlichen Tracking-Layer. Der Effekt: Fracht wird als gleichwertige Versandart neben KEP geführt, nicht als Nebenprozess.

Im DACH-Raum ist das Bild gemischter.

Cargoboard aus Osnabrück baut genau an dieser Stelle: ein digitaler Fracht-Layer, der Sammelgut, Teilladung und Komplettladung in eine einheitliche Schnittstelle bringt — und diese wiederum an Shopsysteme anbindet. Ähnlich Seven Senders, das traditionell KEP dominiert, aber Fracht zunehmend adressiert. Die klassischen Speditionen und Kooperationen digitalisieren ihre Portale, aber ohne Carrier-übergreifende Konsolidierung.

Die Zahlen, die aus integrierten Setups zurückgemeldet werden, sind konsistent: 30 bis 50 Prozent weniger manuelle Frachtverwaltung, 15 bis 25 Prozent niedrigere Frachtraten durch Bündelung, doppelte Tracking-Transparenz. Ein deutscher Möbelhändler mit Filialbelieferung berichtet von 40 Prozent weniger Frachtkosten nach Volumenbündelung über einen Layer — nicht durch verhandelte Preise, sondern durch konsolidierte Volumen.

Warum wird das jetzt zum Thema?

Drei Entwicklungen treiben den Shift.

Der grenzüberschreitende B2B-Handel wächst. Cross-Border-E-Commerce wächst laut Statista in Europa 2025 zweistellig, und ein wachsender Teil davon sind B2B-Sendungen, Projektlieferungen, Paletten. Wer international Fracht versendet, hat mit einem Dutzend Carrier-Systeme zu tun — ohne Layer ist das nicht skalierbar.

Carrier öffnen ihre APIs. DHL Freight, DB Schenker und Kühne+Nagel haben zuletzt selbst digitale Buchungs-APIs ausgerollt, was den Aufwand für eine konsolidierte Lösung senkt. Vor fünf Jahren war das nicht möglich.

Frachtdaten werden strategisch. Wer Fracht-Volumen über einen Layer konsolidiert, sieht zum ersten Mal sauber, welcher Kunde welche Route wie oft fährt. Das ist die Grundlage für Verhandlungen mit Carriern und für Tarif-Optimierung — und es macht die Fracht zu einem steuerbaren Kostenblock statt zu einem Restposten.

Was sollten Händler jetzt tun?

Die Priorisierung ist schlicht: Wo manuelle Frachtverwaltung mehr als zehn Stunden pro Woche kostet, ist ein konsolidierter Layer keine Frage des Ob, sondern des Wann. Der Business Case steht bei moderaten Volumina bereits nach sechs bis zwölf Monaten.

Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer. Wer Fracht weiter als separaten Prozess fährt, wird langfristig zwei Teams bezahlen — eines für Paketlogistik, eines für Fracht. Wer konsolidiert, bezahlt eines. Die Rechnung ist nicht kompliziert, nur unbequem, weil sie eine Entscheidung erzwingt, die in vielen Häusern seit Jahren vermieden wird.

Die Konsolidierung, die der Paketmarkt hinter sich hat, kommt jetzt in die Fracht — getrieben nicht von Anbietern, sondern von der Kosten-Wirklichkeit im Backoffice. Die Händler, die das zuerst machen, werden ihre Frachtmarge verteidigen können, bevor der Wettbewerb den Preisdruck weitergibt.