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Project Agorá: BIS-Test senkt Zeit für grenzüberschreitende Zahlungen auf 80 Sekunden

80 Sekunden. So lange dauerte es im Schnitt vom Anstoß einer Zahlung bis zur endgültigen Abwicklung, als Project Agorá im Juli seine erste Realwert-Testphase absolvierte. Zum Vergleich: Grenzüberschreitende Großbankenzahlungen brauchen über Korrespondenzbanken heute häufig ein bis zwei Tage, manchmal länger, wenn Wochenenden, Feiertage oder mehrere Zwischenbanken dazwischenliegen. Der Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zur Testphase markiert damit einen der greifbarsten Fortschritte, den das Thema tokenisiertes Zentralbankgeld bisher vorweisen kann.

Project Agorá ist eine Kooperation aus sieben Zentralbanken – darunter die Federal Reserve, die Bank of England, die Bank of Japan und die Schweizerische Nationalbank – sowie mehr als 40 privaten Finanzinstituten. Kern des Projekts: eine Plattform, auf der tokenisiertes Zentralbankgeld und tokenisierte Geschäftsbankeneinlagen grenzüberschreitend ausgetauscht werden. Ziel ist nicht weniger als eine Neuvermessung des internationalen Wholesale-Zahlungsverkehrs, jenes Bereichs also, in dem Banken untereinander große Beträge bewegen.

Was genau wurde getestet?

Die Realwert-Testphase lief in einer kontrollierten Umgebung, aber mit echten Werten – ein entscheidender Unterschied zu bisherigen Proof-of-Concept-Experimenten. Gemessen wurde der komplette Weg von der Zahlungsinitiierung bis zur Abwicklung, inklusive Compliance-Prüfungen und Devisenkomponente. Dass der Durchschnitt bei rund 80 Sekunden lag, zeigt vor allem eines: Die technische Architektur hält, was die konzeptionellen Papiere versprochen haben. Settlement nahezu in Echtzeit, ohne die langen Warteschleifen zwischen Korrespondenzbanken.

Kernsatz: Tokenisierte Großbankenzahlungen über Landesgrenzen lassen sich in Sekunden statt Tagen abwickeln – die BIZ hat es erstmals mit realen Werten nachgewiesen.

Warum sollten Online-Händler das auf dem Schirm haben?

Auf den ersten Blick ist Wholesale-Payment weit weg vom Shop-Checkout. Richtig. Kein Händler wird 2026 über Agorá eine Lieferantenrechnung bezahlen. Doch die Infrastruktur, die hier entsteht, bestimmt mittelfristig die Konditionen des gesamten Cross-Border-Geschäfts. Wer Waren aus Fernost einkauft, internationale Marktplatzerlöse auszahlt oder Lieferanten in mehreren Währungen begleicht, kennt die Kostentreiber: Zwischenbank-Gebühren, ungünstige Wechselkurse durch Zeitverzögerung, gebundene Liquidität in Nostro-Konten. Schätzungen der Branche beziffern die Gesamtkosten des Korrespondenzbankwesens auf über 100 Milliarden Dollar jährlich – Kosten, die letztlich in den Konditionen jedes international tätigen Mittelständlers landen.

Zwei konkrete Effekte dürften Händler als Erste spüren, sobald die Infrastruktur reift. Erstens sinken FX-Spesen und Zwischenbank-Gebühren, weil Währungswechsel und Settlement auf derselben Plattform verschmelzen. Zweitens reduziert sich die Liquiditätsbindung: Geld, das heute zwei Tage „unterwegs“ ist, steht früher zur Verfügung. Für Händler mit hohem Warenumschlag und internationaler Lieferkette ist das ein spürbarer Working-Capital-Hebel.

Was bedeutet das für Zahlungsdienstleister?

Spannend wird es auf Seiten der Payment-Service-Provider. Anbieter wie Adyen, Stripe oder Wise bauen ihre Cross-Border-Versprechen heute auf eigenen Netzwerken und lokalen Lizenzen auf – sie umgehen das alte Korrespondenzbankensystem, ersetzen es aber nicht. Eine öffentliche, tokenisierte Wholesale-Ebene würde diesen Wettbewerbsvorteil relativieren und gleichzeitig neue Angebote ermöglichen: programmierbare Zahlungen etwa, bei denen Settlement automatisch an Bedingungen wie Liefernachweis oder Zollfreigabe gekoppelt ist.

Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob tokenisiertes Zentralbankgeld funktioniert, sondern wann Regulierung und Standardisierung es in den Produktivbetrieb lassen.

Realistisch bleiben: Agorá ist ein kontrollierter Test, kein Startschuss. Zwischen der Juli-Testphase und produktivem Betrieb liegen Jahre an regulatorischer Kleinarbeit, von AML-Prüfungen auf der Plattform bis zur Frage, welche Banken Zugang erhalten. Die deutsche Zentralbank und die Europäische Zentralbank verfolgen mit dem digitalen Euro ein paralleles, aber getrenntes Projekt – wie beide Stränge zusammenfinden, ist offen.

Für Händler mit nennenswertem Auslandsumsatz lohnt trotzdem der Blick nach vorn: Sprechen Sie Ihren Zahlungsdienstleister beim nächsten Vertragsgespräch auf dessen Cross-Border-Roadmap an. Wer heute FX-Margen und Settlement-Zeiten dokumentiert, verhandelt morgen besser – denn wenn die Wholesale-Ebene schneller und billiger wird, müssen diese Vorteile irgendwo ankommen. Am besten bei denen, die danach fragen.