Amazon bleibt profitabel, trotz Marktdruck, Inflation und ausufernder Logistikkosten. Der Operating Cashflow kletterte laut des jüngsten Quartalsberichts auf über 21 Milliarden Dollar. Nach Jahren, in denen der Konzern neue Lagerhäuser fast im Wochentakt eröffnete und Milliarden in das Last-Mile-Netzwerk pumpte, zieht CEO Andy Jassy seit Mitte 2022 die Notbremse. Das Ergebnis: eine Operating Margin von annähernd acht Prozent. Ein Wert, der vor zwei Jahren noch bei knapp über zwei Prozent lag und selbst erfahrene Analysten überraschte. Während deutsche Online-Händler mit stagnierenden Umsätzen und gestiegenen Retourenkosten kämpfen, scheint der US-Konzern einen Gegenentwurf zu liefern.
Wie schafft Amazon Gewinne, wo andere stagnieren?
Amazon verdient wieder Geld, weil der Konzern rigoros abbaut und seine lukrativsten Nebengeschäfte ausbaut. Seit Jassy die Führung von Jeff Bezos übernahm, verließen mehr als 27.000 Mitarbeiter das Unternehmen. Projekte mit unklarer Rendite wie der medizinische Dienst Amazon Care, der Lieferroboter Scout und Teile der Alexa-Organisation wurden gestoppt oder reduziert. Im Hauptquartier in Seattle und den europäischen Niederlassungen gilt nun die Devise: Jede Investition muss sich innerhalb von zwölf Monaten amortisieren.
Die größte Hebelwirkung entfaltet die Umstrukturierung der Logistik. Statt Pakete quer durch die Vereinigten Staaten zu schicken, arbeitet Amazon mittlerweile mit acht regionalen Hub-Netzwerken. Jedes davon operiert weitgehend autark mit eigener Lagerhaltung und lokaler Zustellung. Die durchschnittliche Transportdistanz pro Paket sank dadurch um 15 Prozent, die Kosten pro Einheit folgten. Lagergebühren und Transport bildeten zuletzt den größten Kostentreiber im Einzelhandel. Wer hier optimiert, gewinnt direkt an der Grundlinie. Deutsche Händler, die FBA nutzen, spüren diese Effizienz indes nur mittelbar, sie profitieren von schnelleren Lieferzeiten, nicht von geringeren Gebühren.
Warum zahlen Händler für die Erholung mit?
Händler finanzieren die Erholung mit, weil Amazon seine Effizienzgewinne teilweise über höhere Gebühren im Ökosystem zurückholt. Die Fulfillment-by-Amazon-Preise stiegen in Nordamerika und Europa in den vergangenen vier Jahren um durchschnittlich 30 Prozent. Seit Frühjahr 2024 kommen zusätzliche Inbound-Placement-Gebühren hinzu, wenn Händler Waren nicht auf die algorithmisch vorgegebenen Verteilungslager schicken. Wer seine Logistik nicht exakt auf Amazon-Standorte abstimmt, zahlt Aufschläge von bis zu 0,21 Dollar pro Einheit.
Hinzu kommt das Werbegeschäft. Amazon generiert mittlerweile mehr als 47 Milliarden Dollar Umsatz jährlich mit Anzeigen auf seiner Plattform, Tendenz steil. Für Marken bedeutet das: Sichtbarkeit entsteht kaum noch organisch. Cost-per-Click-Preise in der Elektronik- und Haushaltskategorie liegen zum Teil 20 Prozent über dem Vorjahresniveau. Ein mittelständischer Händler mit einem Jahresumsatz von fünf Millionen Euro über Amazon muss heute 15 bis 20 Prozent des Erlöses für bezahlte Sichtbarkeit einkalkulieren. Wer hier nicht neu justiert, wird zum Zahlungsbeauftragten für die Bilanz des Konzerns.
AWS und Werbung decken die E-Commerce-Lücken
Während der klassische Online-Handel unter gestiegenen Lohnkosten, teurer Energie und verschärften Preiskämpfen leidet, trägt Amazon Web Services das operative Ergebnis. Die Cloud-Sparte erwirtschaftet Margen von über 30 Prozent und puffert die dünnen Handelsspanien des Kerngeschäfts ab. Im letzten Quartal steuerte AWS allein ein Wachstum von 17 Prozent bei, während das internationale Retail-Geschäft nur leicht zulegte. Das Advertising-Geschäft leistet mit hohen dreistelligen Millionenbeträgen jedes Quartal seinen Beitrag zum operativen Gewinn. Beide Segmente verwandeln Amazon längst von einem klassischen Retailer in einen Infrastrukturanbieter, der jeden Klick, jede Lagerung und jede Datenabfrage im digitalen Handel monetarisiert. Wer Amazon als reinen Händler betrachtet, übersieht diesen fundamentalen Wandel.
Amazon ist längst kein reiner Händler mehr, sondern ein Infrastrukturkonzern, der den digitalen Handel als geschlossenes Ökosystem monetarisiert.
Für deutsche Shop-Betreiber ab einem Jahresumsatz von einer Million Euro heißt das: Die Plattform bleibt unverzichtbar für die Reichweite, aber sie ist kein Selbstläufer mehr. Wer seine Bruttomargen nicht mindestens wöchentlich anhand der aktuellen FBA-Gebühren und CPC-Preise prüft, wer keine Alternativen wie Kaufland, OTTO Marketplace oder den eigenen D2C-Shop strategisch ausbaut, verliert die Handlungsfähigkeit. Die jüngsten Quartalszahlen beweisen, dass Amazon Profitabilität unter Marktstress souverän steuert. Die entscheidende Frage für den deutschen E-Commerce lautet, wie lange Mittelständler bereit sind, dafür die Rechnung zu begleichen.
