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Amazon Indien: Mit Preisfront unter 600 Rupien kämpft der Konzern um sparsame Käufer

Sieben Euro. Mehr darf ein Produkt auf Amazons neuem Billig-Storefront in Indien nicht kosten. Mit „Bazaar“, einem Marktplatz-Bereich für unmarkierte Ware unter 600 Rupien, geht der Konzern seit 2024 direkt auf Kundschaft zu, die bisher bei Wettbewerbern wie Meesho kaufte – und verschärft damit einen Preiskampf, der längst nicht mehr nur ein indisches Phänomen ist.

Das Bazaar-Angebot steht exemplarisch für eine Strategie, die Amazon inzwischen weltweit fährt: Der Konzern hat erkannt, dass ein großer Teil des Wachstums im E-Commerce nicht bei Premium-Käufern entsteht, sondern bei Verbrauchern, die jeden Cent umdrehen. In Indien bedeutet das konkret: keine Verkaufsprovision für Bazaar-Händler, kostenloser Versand, ein stark vereinfachtes Listing. Die Preise liegen teils bei umgerechnet unter zwei Euro – für T-Shirts, Haushaltswaren, Accessoires.

Warum setzt Amazon in Indien auf Billigware statt Prime?

Die Antwort ist nüchtern: Marktgröße. Indien zählt über 800 Millionen Internetnutzer, doch der Großteil kauft nicht im Premium-Segment. Wer dort Marktanteile gewinnen will, muss Preise anbieten, die mit dem lokalen Handel mithalten können. Meesho, ein Social-Commerce-Anbieter, hat mit genau diesem Ansatz ein Netto-Order-Volumen im zweistelligen Milliardenbereich aufgebaut – ohne Lager, ohne eigene Logistik, nur über eine riesige Reseller-Basis in Kleinstädten.

Amazons Reaktion folgt einem Muster, das Beobachter auch aus anderen Märkten kennen. Gegen Temu und Shein hat der Konzern in den USA und Europa mit „Amazon Haul“ einen eigenen Discount-Kanal aufgebaut: Waren unter 20 Dollar, Lieferzeiten von einer bis zwei Wochen, Direktversand aus China. Bazaar in Indien ist die Schwestervariante dieser Logik – nur dass hier die Konkurrenz nicht aus China kommt, sondern aus Bangalore.

Kernsatz: Amazon baut sein Geschäftsmodell um – weg vom reinen Convenience-Versprechen, hin zu einer Zwei-Klassen-Plattform: schnell und teuer oben, langsam und billig unten.

Was bedeutet das für deutsche Marketplace-Händler?

Zunächst: Der indische Markt ist für die meisten deutschen Seller kein unmittelbares Geschäftsfeld. Doch die strategische Richtung, die Amazon dort testet, trifft Europa mit Verzögerung. Wer heute auf Amazon.de verkauft, spürt den Druck bereits: Haul-Produkte tauchen in Suchergebnissen auf, Preisrankings gewinnen an Gewicht, und der Konzern experimentiert mit Coupons und Preis-Automation, die Margen weiter schmelzen lassen.

Die Logik dahinter ist einfach. Amazon verliert bei preissensiblen Käufern Kaufabschlüsse an Temu, AliExpress und – in Indien – an Meesho. Jeder verlorene Warenkorb in diesem Segment ist nicht nur Umsatzverlust, sondern Datenverlust: Wer nicht bei Amazon kauft, dessen Suchverhalten, Zahlungsdaten und Retourenmuster lernt die Plattform nicht kennen.

Amazon gewinnt im Discount-Segment nicht durch bessere Ware, sondern durch Vertrauen: Wer billig kauft und trotzdem zuverlässig geliefert bekommt, bleibt.

Für Shop-Betreiber ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: das eigene Sortiment in zwei Kategorien zu sortieren. Produkte, die über Qualität, Marke oder Beratung verkauft werden, gehören nicht in einen Preiskampf mit 2-Euro-Importen – dort verlieren sie zwangsläufig. Artikel dagegen, die austauschbar sind, werden auf Amazon und anderen Marktplätzen zunehmend von Anbietern verdrängt, die mit indischen oder chinesischen Kostenstrukturen kalkulieren können.

Ein zweiter Punkt betrifft die internationale Expansion selbst. Wer über Amazon Global Selling nachdenkt, sollte Indien realistisch bewerten: Der Markt wächst, doch die Käufer dort sind preissensibler als jede westliche Vergleichsgruppe. Deutsche Markenware funktioniert in Indien im Luxus- und Premiumsegment – nicht im Massenmarkt, für den Bazaar gebaut wurde.

Amazon selbst verdient an Bazaar vorerst wenig. Null Provision bedeutet: Der Bereich ist ein Lockangebot, finanziert aus den profitableren Teilen des Marktplatzes. Wie lange der Konzern das durchhält, entscheidet sich daran, ob die Billigkäufer von heute die Prime-Kunden von morgen werden. Genau darauf wettet Amazon – in Indien wie anderswo.

Für deutsche Händler bleibt die Lektion unabhängig von Indien gültig: Der Marktplatz der Zukunft ist gespalten. Wer seine Preisstrategie nicht aktiv wählt, bekommt sie von der Plattform vorgegeben.