7,5 Milliarden US-Dollar Umsatz im ersten Quartal 2026, und trotzdem baut PDD Holdings sein Geschäftsmodell gerade um. Die Muttergesellschaft von Temu investiert massiv in lokale Fulfillment-Infrastruktur in Europa und Nordamerika — als direkte Antwort auf das Ende der De-minimis-Regelungen, die den Niedrigpreis-Importen aus China jahrelang steuerliche Vorteile verschafft hatten.
Damit reagiert der Konzern auf eine doppelte regulatorische Zange. Die USA haben ihre 800-Dollar-Freigrenze für Sendungen aus China bereits abgeschafft; Pakete unterliegen dort seit 2025 vollständig den regulären Zöllen und Gebühren. Die Europäische Union zieht nach: Die Abschaffung der 150-Euro-Zollfreigrenze ist beschlossene Sache, eine pauschale Bearbeitungsgebühr von zwei Euro pro Kleinsendung steht zur Debatte. Für ein Modell, das auf Millionen Einzelpakete direkt aus chinesischen Lagern an Endkunden setzt, ist das existenziell.
Warum verlagert Temu seine Logistik jetzt in die Zielmärkte?
Die Antwort liegt in der Zollmathematik. Waren, die in Containern als Sammelimport nach Europa kommen und dort gelagert werden, unterliegen anderen — und häufig günstigeren — Abwicklungsregeln als Millionen Einzelsendungen an Privathaushalte. Lokale Lager in Polen, Deutschland oder den Niederlanden verkürzen zudem die Lieferzeiten von bis zu zwei Wochen auf zwei bis vier Tage. Temu nähert sich damit dem Standard an, den Amazon-Kunden gewohnt sind.
PDD verfolgt dabei ein Hybrid-Modell. Der klassische Fully-Managed-Versand bleibt für einen Teil des Sortiments bestehen, parallel baut Temu sein Semi-Managed-Programm aus: Händler und Marken lagern ihre Ware selbst in Zielmärkten, Temu übernimmt Vermarktung und Checkout. Für europäische Markenhersteller öffnet das eine Tür — die Plattform sucht aktiv lokale Verkäufer, um ihr Sortiment zu lokalisieren.
Was bedeutet das für deutsche Online-Händler?
Zunächst die unbequeme Wahrheit: Der Wettbewerbsdruck durch Temu wird nicht schwächer, sondern anders. Wegfallende Zollvorteile verteuern die Waren zwar um geschätzte 10 bis 20 Prozent, doch die Plattform gleicht das über Skaleneffekte und lokale Lagerung teilweise aus. Wer bisher darauf gesetzt hat, dass Regulierung das Problem löst, sollte seine Preis- und Sortimentsstrategie überdenken.
Die De-minimis-Ära ist vorbei. Die Plattformen, die sie genutzt haben, sind es nicht — sie rüsten nur um.
Gleichzeitig entsteht eine Chance. Temus Semi-Managed-Modell funktioniert nur mit lokalem Warenbestand, und dafür braucht die Plattform europäische Partner. Händler mit eigenem Lager oder Anbindung an 3PL-Dienstleister wie byrd, Huboo oder Zenfulfillment können Temu als zusätzlichen Absatzkanal testen — mit voller Kontrolle über Versand und Retouren, anders als im Fully-Managed-Modell chinesischer Verkäufer.
Beobachtenswert bleibt die Gebührenpolitik der EU. Sollte die geplante Zwei-Euro-Pauschale pro Kleinsendung kommen, trifft das auch Marktplatz-Händler, die per Dropshipping aus Fernost arbeiten. Wer noch auf Direktversand aus China setzt, sollte spätestens jetzt ein Szenario für die Lagerung in der EU durchrechnen. Die Richtung der Regulierung ist eindeutig — und Temu zeigt gerade, wie schnell sich ein Milliardenkonzern darauf einstellt.
