50 Prozent. So hoch ist der Zollsatz, den die USA seit diesem Wochenende auf einen großen Teil der Importe aus Kanada erheben. Die Frist für eine Einigung im Rahmen der sogenannten Section-338-Zölle verstrich am Samstag ohne Ergebnis. Ottawa reagierte umgehend und kündigte an, die US-Maßnahmen „Dollar für Dollar“ zu spiegeln.
Für den nordamerikanischen Handel ist das ein Bruch mit Ansage. Für Händler in Europa, die in den USA oder Kanada verkaufen oder von dort beziehen, ist es ein Kostenproblem mit kurzem Vorlauf.
Was bedeuten die Section-338-Zölle konkret?
Section 338 ist ein selten genutztes US-Handelsinstrument, das Zusatzzölle gegen Länder erlaubt, die US-Produkte angeblich diskriminieren. Die Eskalation zwischen Washington und Ottawa läuft seit Monaten; die nun verstrichene Frist galt als letzte Chance auf eine Einigung. Verhandlungen sind offiziell nicht abgebrochen, aber faktisch festgefahren.
Betroffen sind nach aktuellem Stand breite Warengruppen kanadischer Herkunft. Kanadas Gegenmaßnahmen zielen ihrerseits auf US-Exporte ab, darunter Konsumgüter, die auch im Sortiment europäischer Händler mit Nordamerika-Geschäft landen. Wer kanadische Waren in die USA schickt oder umgekehrt, zahlt ab sofort deutlich mehr an der Grenze. Die Antwort auf die Frage, ob sich das umgehen lässt, lautet: nicht über Nacht. Ursprungsregeln entscheiden, nicht der Versandweg.
Warum trifft der Zollstreit auch deutsche Shop-Betreiber?
Zwei Hebel wirken auf deutsche Händler. Erstens: Wer in den US-Markt expandiert ist und kanadische Fulfillment-Strukturen nutzt, etwa Lager in Ontario oder Quebec für den US-Versand, sieht sich mit einer Kostenkalkulation konfrontiert, die über Nacht hinfällig wird. Zweitens: Die kanadischen Vergeltungszölle verteuern US-Waren in Kanada. Händler, die US-Markenware nach Kanada listen, müssen Margen oder Preise anpassen.
Dazu kommt der indirekte Effekt. Handelskonflikte dieser Größenordnung bewegen Wechselkurse und Frachtraten. Bei früheren Zollrunden, etwa den US-Zöllen von 2018, verteuerten sich Containerpreise auf betroffenen Relationen binnen Wochen zweistellig. Wer seine Preiskalkulation auf Vor-Konflikt-Niveau stehen lässt, verschenkt Marge.
Drei Schritte für die kommenden Wochen
Die Lage ist dynamisch, aber passives Abwarten ist die teuerste Option. Drei Maßnahmen sind jetzt sinnvoll:
- Ursprungsanalyse: Prüfen Sie pro SKU, welche Ware kanadischen oder US-Ursprung hat. Der Lieferantensitz ist dafür nicht ausschlaggebend, sondern die Ursprungsregeln.
- Fulfillment-Alternativen: Wer US-Kunden aus Kanada beliefert, sollte Kapazitäten bei US-3PL-Anbietern anfragen, die Nachfrage dort steigt gerade spürbar.
- Preis- und Incoterm-Review: Klären Sie, wer die Zolllast trägt. DDP-Angebote gegenüber kanadischen Kunden können zum teuren Versprechen werden.
Beobachtenswert ist, ob die angedrohten kanadischen Gegenzölle tatsächlich in voller Höhe kommen oder als Verhandlungspfand dienen. Ottawa hat in früheren Runden beides getan: angekündigt, verschärft, und nach Zugeständnissen wieder zurückgenommen. Wer Sortiment und Logistik flexibel aufstellt, muss auf keine der Varianten teuer reagieren.
